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 || Nr.351 || Datum: 19:29:18 30.09.2011 ||
 
30. August 2011  | Von Oliver Heil

Stolpern mit dem Herzen

Kunst-Aktion: Gunter Demnig verlegt in Raunheim Gedenksteine, die an verfolgte jüdische Bürger erinnern sollen

RAUNHEIM. 
Stolpersteine verlegte der Künstler Gunter Demnig gestern in der Frankfurter Straße und der Schulstraße.  Foto: Oliver Heil
| Vergrößern |
Stolpersteine verlegte der Künstler Gunter Demnig gestern in der Frankfurter Straße und der Schulstraße. Foto: Oliver Heil


100 Jahre alt wäre Else Kiritz im April geworden. Vielleicht ist sie es sogar geworden. Niemand in Raunheim weiß es, denn die Frau hatte nach ihrer Flucht nach England im Jahr 1937 keinen Kontakt mehr zu den Menschen des Dorfes, in dem sie geboren wurde und aufwuchs.
Spätestens 1938 endete nach allem, was man heute weiß, der Kontakt. Da mussten ihre Mutter und ihr Stiefvater das Haus mit Ladengeschäft verkaufen und nach Frankfurt ziehen. Von dort wurden sie später deportiert. Theodor und Frieda Schott sind in Lettland (Riga) und Litauen (Kaunas) verschollen. Seit gestern erinnern drei Stolpersteine vor dem Haus Frankfurter Straße 17 an die drei Raunheimer und daran, dass sie Opfer des Nationalsozialismus wurden.


„Hier wohnte Else Kiritz, Jahrgang 1911, Flucht nach England 1937, überlebt“, steht auf der glänzenden Messingplatte des Stolpersteins. Von den vier Raunheimer Juden, für die am Montag Steine verlegt wurden, ist Else Kiritz die Einzige, die dem Nazi-Terror entkam.


„Wir haben uns in Raunheim nicht sehr früh mit der Geschichte unserer jüdischen Nachbarn auseinandergesetzt“, sagte Bürgermeister Thoma Jühe (SPD). „Dafür tun wir es jetzt umso heftiger.“
Vor zwanzig, dreißig Jahren sei noch ein direktes Erinnern an die Familien möglich gewesen, da habe es noch viele Zeitzeugen gegeben. „Doch heute schwächt sich die Erinnerung ab und ich finde, dass wir das nicht zulassen dürfen“, begründete der Bürgermeister die Entscheidung für Stolpersteine. Er fand unmissverständliche Worte: „Auch hier lebten Menschen jüdischen Glaubens, sie lebten mitten unter uns und dachten überhaupt nicht daran, dass im 20. Jahrhundert ihr Leben bedroht sein könnte. Sie sind durch uns zu Tode gekommen.“ Moses Kiritz zum Beispiel, der Großvater von Else Kiritz, war Feuerwehr-Hauptmann, Mitglied im Gemeinderat und betrieb die Wirtschaft „Zum Röhrenwerk“, rekonstruierte Erich Schick vom Heimatverein das Leben eines im Grunde gewöhnlichen Raunheimers.

Gunter Demnig aus Köln sieht es genauso. Es gehe ihm um ein Andenken an die Juden mitten unter den Menschen, an den Orten, wo sie gelebt hatten, sagte er. Nachdem er kniend, in grober Arbeitskleidung und mit seinem längst zum Markenzeichen gewordenen breitkrempigen Hut, vier Steine verlegt hatte, wandte sich der Künstler an die etwa 30 Anwesenden, die trotz der frühen Stunde dabei sein wollten, bei dieser ungewöhnlichen Kunst-Geschichts-Aktion. „Ich freue mich immer noch über jeden Stein, den ich verlege“, sagte Demnig. „Diese Arbeit ist nie zur Routine geworden.“ Besonders gelte das, wenn er, wie heute in Raunheim, in einer Kommune zum ersten Mal sei. Eine wichtige Motivation sei es für ihn, Jugendliche an das Thema heranzuführen. Die Schüler machten oft Recherchen zu den Juden aus ihrer Stadt als Vorarbeit zur Verlegung. 


„Die forschen dann und merken, dass es nicht nur die abstrakte Größe von sieben Millionen Ermordeten gibt, die sie aus dem Unterricht kennen. Sie lesen Dokumente, wo vor der Deportation noch der letzte Teelöffel mit deutscher Gründlichkeit dokumentiert wurde, oder sie rechnen aus, dass ein junger Mensch bei seiner Deportation so alt war wie sie.“
Historische Vorarbeit war in Raunheim nicht nötig. Die Schüler der Anne-Frank-Schule sollen trotzdem mit den Stolpersteinen in Berührung kommen. Vor dem Volkstrauertag sei ein Stadtrundgang zur Geschichte geplant, bei dem es um den Nationalsozialismus gehen werde, erzählte Thomas Jühe am Rande der Veranstaltung.
Einem Kontakt mit Schülern während einer früheren Verlegung verdankt Demnig auch seine Definition zur Wirkung von Stolpersteinen: „Man stolpert nicht mit den Füßen, sondern mit dem Kopf und mit dem Herzen.“ In Raunheim wird es künftig oft passieren, dass jemand auf diese Weise stolpert. Denn die Steine liegen zentral.
Drei für die Familie Schott/Kiritz liegen direkt vor einem Friseurgeschäft, gegenüber der Mainstraße. Der Vierte liegt gegenüber dem Rathausparkplatz. Hier begann Gunter Demnig die Verlegung, klopfte den Stein für den aus Russland nach Raunheim gekommenen Josef Litmanowitsch fest, verfugte ihn mit Mörtel und brachte mit Gießkanne und Handbesen die polierte Oberfläche zum Glänzen. Hier hielt Thomas Jühe seine Rede gegen das Vergessen. Am Beispiel von Litmanowitsch machte er deutlich, dass die Tatsache, dass niemand von Raunheim deportiert wurde, nicht gegen das Wirken von Antisemitismus im Ort spreche.

Litmanowitsch hatte sich 1938 am Bahnhof vor einen Zug geworfen. „Da haben früher Viele nach anderen Gründen gesucht, warum er das getan hat.“ Dabei habe man ihm die wirtschaftliche Lebensgrundlage entzogen, ihn später verhört und mit Verhaftung bedroht. Womöglich, weil er mit einer christlichen Raunheimerin verheiratet war.


Raunheim ist die 668. Kommune, in der einer der inzwischen 31 000 Stolpersteine verlegt wurde. Die meisten Steine liegen in Deutschland, doch es gibt sie in ganz Europa.

 
 

 
| Autor: Jürgen Hedderich |
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Artikel im Groß-Gerauer Echo vom 18.02.2011

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