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 || Nr.11 || Datum: 16:53:36 31.03.2004 ||
Hartmut Boockmann

Die Juden in den Städten des Spätmittelalters

Die in Deutschland lebenden Juden waren nach Jahrhunder­ten einer ungefährdeten Existenz zur Zeit und im Zusam­menhang der Kreuzzüge an vielen Orten verfolgt und oft umgebracht worden, falls es den zuständigen - meist kirchli­chen - Obrigkeiten nicht gelungen war, sie vor ihren fanati-sierten Verfolgern zu schützen. In der Folgezeit wurden die Juden unter den Schutz des Königs gestellt. Obwohl sie die­sen Schutz mit hohen Abgaben zu erkaufen hatten, waren sie vor den schweren Verfolgungen in der Mitte des 14. Jahr­hunderts doch nicht sicher, zumal König Karl IV. an einigen Orten die Zerstörung der jüdischen Wohnviertel und die Er­mordung oder Vertreibung ihrer Bewohner sogar legalisier­te. Trotzdem haben sich Juden in den meisten Städten wie­der angesiedelt. Doch waren die jüdischen Gemeinden des 15. Jahrhunderts im allgemeinen kleiner als die der früheren Zeit, und sie bestanden oft auch nur während weniger Jahr­zehnte. Die Existenz der Juden war nun ständig gefährdet, und bis zum Ende des Jahrhunderts wurden sie aus fast allen deutschen Städten vertrieben: Sie wanderten in ländliche Siedlungen aus, meistens jedoch nach Osteuropa, wo sie in Gestalt des Jiddischen wesentliche Elemente des spätmittel­alterlichen Deutsch konservieren sollten. Der Exodus der Juden aus dem Deutschland des 15. Jahr­hunderts hängt offensichtlich mit wirtschaftlichen Verände­rungen zusammen. In dem Maße, in welchem deutsche Kaufleute am internationalen Handel und insbesondere am Geldgeschäft teilzuhaben lernten, wurden die jüdischen Händler und Bankiers entbehrlich bzw. wurden sie in Rand­gebiete der Wirtschaft abgedrängt, wie insbesondere in den Bereich der kleinen, kurzfristigen, risikoreichen und deshalb hoch verzinsten Kredite. Ein anderes Feld jüdischer Wirt­schaftstätigkeit war der Altwaren-Handel. Die Handwerke waren den Juden längst verschlossen - zumal im 15. Jahr­hundert die Handwerker-Organisationen sich auch gegen christliche Konkurrenten abgrenzten. So waren es im 15. Jahrhundert eher die „kleinen Leute", die bei jüdischen Geldgebern Schulden hatten und, wenn sie die teueren Kredite nicht nach kurzer Frist zurückzahlen konnten, notwendigerweise in Schwierigkeiten gerieten. Zwar waren die zwischen 30 und 50% liegenden Jahreszin­sen der jüdischen Kredite im Vergleich zu früheren Zeiten verhältnismäßig niedrig, doch konnten diese Zinsen, wenn die Kredite nicht schnell zurückgezahlt wurden, rasch über die Kreditsumme hinauswachsen, so dass die Schreckenszah­len, welche ein wohl aus Nürnberg stammender Druck nennt, keineswegs aus der Luft gegriffen sind, wenngleich die hier gemachte Voraussetzung, dass ein Kredit über zwan­zig Jahre bestand und überdies keine Zinsen gezahlt wurden - so dass sich Zinseszinsverpflichtungen häuften -, einiger­maßen unrealistisch gewesen sein dürfte. Es sind denn auch nicht die Kunden der jüdischen Geldleiher gewesen, an wel­che sich ein solches „Flugblatt" wendete. Ihnen wäre der la­teinische Text nicht verständlich gewesen, ja sie hätten die­sen schon wegen der dem wissenschaftlichen Stil folgenden Abkürzungen nicht lesen können. Dieses Blatt zielte auf die­jenigen, welche eine Judenvertreibung politisch fördern und durchsetzen konnten. Die Schicht der Empfänger von Juden-Krediten dürfte wohl mehr von Blättern erreicht worden sein, welche die Feindschaft gegen die Juden religiös begründeten und zu diesem Zwecke mit vermeintlichen Ritualmorden und Ho­stienschändungen argumentierten, also den Juden vorwar­fen, in gottesdienstlichen Handlungen das Blut gequälter und schließlich ermordeter christlicher Kinder verwendet und aus Hass gegen Christus dessen Leib durch die Verunehrung und Zerstörung von geweihten Hostien gemartert zu haben. Dass solche Vorwürfe unwahr gewesen sind, dürfte nicht zu bezweifeln sein. Ritualmorde hätten sich schwer mit den jüdischen Reinheitsgeboten vertragen, wie schon bischöfli­che und päpstliche Verlautbarungen des 13. Jahrhunderts feststellten. Man wird darüber hinaus aber damit rechnen dürfen, dass den Juden die seit den Kreuzzügen potentiell stets vorhandene Pogrom-Gefahr bewusst gewesen ist. Je­denfalls diese hätten Hostienschändungen verboten - es sei denn, dass der christliche Umgang mit der Hostie, der sich im ausgehenden Mittelalter 'verdinglichte und leicht aber­gläubische Elemente aufnehmen konnte, zu spiegelbildlichen Umkehrungen in Gestalt von abergläubischen Handlungen mit Hostien geführt hätte, die ausnahmsweise nicht von Christen, sondern auch von Juden verübt worden wären. Doch steht außer jedem Zweifel, dass Ritualmord- und Hostienschändungs-Vorwürfe immer wieder instrumen-talisiert wurden und als Anlass für längst gewollte Vertreibungen von Juden aus einer Stadt dienten. Trotzdem muss man sich die Realität jüdischen Lebens in spätmittelalterlichen deutschen Städten als von Ort zu Ort durchaus unterschiedlich vorstellen. Nicht überall wohnten die Juden in abgeschlossenen Ghettos und nicht überall wa­ren sie von ihren christlichen Mitbürgern - in vielen Städten hatten die Juden Bürgerrecht - durch eine besondere Klei­dung getrennt. Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass die Absonderung zwei Seiten haben konnte. Das Ghetto konnte Schutz vor Verfolgung bieten, und die besondere jüdische Kleidung konnte jüdischen Abgrenzungswünschen entge­genkommen. Der so typische hohe Judenhut scheint nicht als diskriminierend gegolten zu haben, und die Maler des ausgehenden 15. Jahrhunderts liefern dort, wo sie offen­sichtlich jüdische Kleidung und jüdische Gesichtszüge wie­dergeben, nicht notwendigerweise Karikaturen. Diskrimi­nierend war dagegen der gelbe Fleck auf der Kleidung, doch wird er auf Abbildungen nur ganz selten gezeigt, obwohl andererseits die kirchlichen Vorschriften, welche auf einer besonderen Judenkleidung bestanden, im 15. Jahrhundert oft erneuert worden sind. [...] Illustrierte Codices mit religiösen jüdischen Texten sind Zeugnisse dafür, dass die Juden im spätmittelalterlichen Deutschland sich einer ganz ähnlichen Bildersprache bedien­ten wie ihre christlichen Zeitgenossen, und für die Architek­tur gilt das gleiche. Anders als im 19. Jahrhundert waren die Synagogen keineswegs in einem orientalisierenden Baustil errichtet. Sie übernahmen vielmehr die Stilformen der ein­schlägigen zeitgenössischen, d. h. der christlichen Sakral- Architektur. So gewähren auch die Bilder aus jüdischen Hand­schriften des 15. Jahrhunderts in einer Weise, wie das z. B. die gleichzeitigen christlichen Bilder-Bibeln ^ ebenfalls tun, immer wieder Einblicke in die Lebenswelt der spätmittelal­terlichen Juden, und manchmal scheint es, als reflektierten diese Bilder auch die Gefährdungen, denen die Juden damals ausgesetzt waren. In den spätmittelalterlichen Städten erinnern oft nur noch verdeckte Spuren an deren einstige jüdische Bewohner, es sei denn, dass der Besucher einer solchen Stadt in einem wäh­rend des späteren Mittelalters neu angelegten großen Platz die durch eine Judenverfolgung freigelegte Fläche des einsti­gen Ghettos erkennt. Manchmal kommt das gute Gewissen der Verfolger in Denkmälern der Judenvertreibung zum Ausdruck: in Inschriften am Ort der einstigen Synagoge oder an einem ehemals jüdischen Haus. Dieses gute Gewissen, mit der endgültigen Vertreibung der Juden ein gottgefälliges Werk zu verrichten, hat sich be­sonders deutlich seit dem Jahre 1519 in Regensburg artiku­liert, wo zwei Jahre nach Luthers erstem öffentlichen Her­vortreten mit der Vertreibung der Juden noch einmal ein Beispiel für die tumultuarischen Formen spätmittelalterli­cher Frömmigkeit und insbesondere vorreformatorischen Wallfahrtsbetriebes zustande gekommen ist, zugleich freilich auch schon ein Ereignis der Reformationsgeschichte. Martin Luther ist damals um eine Stellungnahme gebeten worden, und er hat sich drastisch gegen die hier, wie bei früheren Ju­denvertreibungen auch, einsetzende hektische Marienvereh­rung ausgesprochen, während ihn das Schicksal der vertrie­benen Juden zu keiner Äußerung veranlasste. Die Juden hat­ten von der Kirchenreformation nichts zu erhoffen. Ihre Ge­schichte bricht in den meisten deutschen Städten um 1500 ab, und es gibt nur wenige Orte, wo sie wie in Worms über diese Zeitgrenze hinaus weiterleben konnten.
 
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