Chronik jüdischen Lebens in Deutschland

Chronik jüdischen Lebens in Deutschland von der Römerzeit bis heute

1140-1234
Abschließende Kodifizierung des kanonischen Judenrechts (u.a. im »Decretum« Gratians von 1140/42 und im »über Extra« von 1234).

1236
Beginn der kaiserlichen Kammerknechtschaft mit dem Privileg Friedrichs II.

1298
Pogrome in Franken und Bayern durch die Anhänger des Fleischermeisters Rindfleisch (»Rindfleisch-Unruhen«),
denen über 140 Gemeinden zum Opfer fielen.

1335-38
»Armleder«-Pogrome in Franken, im Mittelrhein-, Lahn- und Moselgebiet sowie im Elsaß.

1348/49
Pestpogrome, weitgehende Ermordung der jüdischen Bevölkerung Mitteleuropas.

seit Ende 13. Jh.
Entstehung von Ghettos bzw. Judengassen u. a. in Augsburg, Frankfurt/M., Köln, Nürnberg, Prag, Wien und Worms.

1420-1520
Vertreibung der Juden aus den meisten deutschen Städten.

seit 1475
Entwicklung des hebräischen Buchdrucks.

Ende15. Jh.
Zuwanderung von Juden aus Spanien und Portugal nach ihrer Verfolgung und

Anfang 16. Jh.
Vertreibung durch die Inquisition.

Mitte 16. Jh.
Seit Beginn der Gegenreformation verstärkte offizielle Zensur jüdischer und hebräischer Schriften durch Aufnahme in den kirchlichen Index verbotener Schriften.

17/18. Jh.
Aufkommen von Hoffaktoren (»Hofjuden«), die finanzielle und politische Dienste an den Fürstenhöfen übernahmen.
1614 Plünderung der Frankfurter Judengasse und Vertreibung der Juden (»Fettmllch-Aufstand«);

1616
Wiedereinzug.

seit 1648
Zuwanderung von Ostjuden nach den Chmielnicki-Pogromen; Zunahme messianischer Bewegungen mit Sabbatai Zewi (1626-1676) an der Spitze (»Sabbatianer«).

1700/14/30/50
Generalreglements in Preußen, verschlechterten die Lebensbedingungen der preußischen Juden erheblich.

2.Hälfte 18. Jh.
Anfänge der Emanzipation mit Zentrum in Berlin und Moses Mendelssohn als wichtigstem Vertreter; seitdem Berlin das geistige und kulturelle Zentrum des deutschen Judentums.

1778
Gründung der »Jüdischen Freischule« in Berlin durch David Friedländer und Isaak Daniel Itzig, die die Ideen der Aufklärung unter der jüdischen Bevölkerung verbreiten sollte.

nach 1800
Beginn der jüdischen Reformbewegung mit Abraham Geiger, Samuel Holdheim und Israel Jacobson als wichtigsten Vertretern sowie der Neu-Orthodoxie mit Samson Raphael Hirsch und Esriel Hildesheimer. Zunahme der Mischehen und Konversionen zum Christentum im Zuge des Akkulturationsprozesses.

1807/08
Bürgerliche Gleichstellung in den französisch besetzten Gebieten (Rheinland und Westfalen)

seit 1808
hierarchisches Gemeindesystem und wirtschaftliche Einschränkungen im linksrheinischen Gebiet.

1812
Emanzipationsedikt, beseitigte Wohn- und Bildungsbeschränkungen sowie wirtschaftliche Einschränkungen für die preußischen Juden.

1914/15
Wiener Kongreß, Restauration von diskriminierenden Judenordnungen.

1919
»Hep-Hep«-Krawalle v. a. in Frankfurt/M., Würzburg und Hamburg. Anfänge der »Wissenschaft des Judentums« mit der Gründung des »Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden« in Berlin durch Eduard Gans und Leopold Zunz.

Februar 1941
Deportationen ins Warschauer Ghetto.

März 1941
Verpflichtung der jüdischen Bevölkerung zur Zwangsarbeit.

September 1941
Einführung der Kennzeichnungspflicht mit dem Gelben Stern.

seit Okt. 1941
Systematische Deportationen in die Ghettos und Vernichtungslager in Polen.

Januar 1942
»Wannseekonferenz« über die »effiziente« Verwirklichung der »Endlösung der Judenfrage« – d. h. die fabrikmäßige Ermordung der deutschen und europäischen Juden. Insgesamt fielen dem nationalsozialistischen Terrorregime etwa sechs Millionen Juden zum Opfer.

April/Mai 1945
Befreiung der letzten Konzentrationslager auf deutschem Boden.

1945/46
Nürnberger Prozeß, Internationaler Militärgerichtsprozeß gegen einige der deutschen Hauptkriegsverbrecher; Neubeginn des jüdischen Gemeindelebens mit den wichtigsten Gemeinden in Berlin, Frankfurt/M. und München.

1950
Gründung des »Zentralrats der Juden in Deutschland«.

1952
»Luxemburger Abkommen« (»Wiedergutmachungsabkommen«) zwischen Deutschland und Israel.

1959
Gründung der Bibliothek »Germania Judaica« in Köln.
Neugründung der »Jüdischen Volkshochschule« in Berlin.
Gründung des »Instituts für die Geschichte der deutschen Juden« in Hamburg.

1965
Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel.

1968
Gründung des Bundesverbands »Jüdischer Studenten in Deutschland«.

1979
Gründung der »Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg« in der Trägerschaft des Zentralrats.

1982
Gründung des »Zentrums für Antisemitismusforschung« in Berlin.

1985/86
Skandal um die Premiere des Theaterstücks »Der Müll, die Stadt und der Tod« von Rainer Werner Fassbinder, die mit “der Besetzung der Bühne durch Mitglieder der jüdischen Gemeinde Frankfurt/M. zunächst verhindert wurde.

1986
Gründung des »Salomon Ludwig Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte« in Duisburg.

1986-89
Historikerstreit um die Frage der Vergleichbarkeit der fabrikmäßigen Ermordung der deutschen und europäischen Juden unter der NS-Herrschaft mit anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

1987
Gründung der Stiftung »Neue Synagoge Berlin – Centrum Jadaicum«; seit November 1988 Wiederaufbau, Eröffnung des Ausstellungs- und Begegnungszentrums im Mai 1995.

seit 1988
Diskussion über die Errichtung einer zentralen Holocaust-Gedenkstätte in Berlin;

1995
Scheitern der ersten Ausschreibung, seitdem fortgesetzter öffentlicher Streit um die Konzeption und die zweite Ausschreibung.

1989
Auftrag für einen Erweiterungsbau des Berlin-Museums für das Jüdische Museum Berlin an den Architekten Daniel Libeskind; 1992 Baubeginn; seitdem öffentliche Auseinandersetzungen um Organisation und Konzeption des Jüdischen Museums.

seit 1989
Zuwanderung von rund 93 000 Juden (Stand August 1998) aus der ehemaligen Sowjetunion und den GUS-Staaten; dadurch de jure oder de facto Neugründung von Gemeinden, neue entstehen unter anderem in Dessau, Emmendingen, Lörrach, Pforzheim, Potsdam, Rostock und Schwerin.

Januar 1991
Vereinigung der beiden Berliner Gemeinden.

1992
Gründung des «Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien« in Potsdam; seitdem Einrichtung von Studiengängen und Lehrstühlen für Jüdische Studien bzw. Geschichte u. a. an den Universitäten Potsdam, Duisburg, München, Oldenburg und Halle.

1996-1997
Diskussion über die Thesen Daniel Goldhagens («Hitlers willige Vollstrecker«, 1996) zu einer deutschen Kollektivschuld am Holocaust («eliminatorischer Antisemitismus« als überwiegendes Einstellungs- und Verhaltensmuster), was ähnlich wie beim Historikerstreit

1986
heftige Kontroversen zur Bewertung des Nationalsozialismus und des Holocaust auslöst.

Bernhard Vogt