Der Begriff Antisemitismus

Antisemitismus der. -. ein um 18^0 entstandener pulitisch-ideolog. Begriff, bezeichnet die Abneigung oder Feindseligkeit gegen Juden; knüpft sprach- und sachlogisch an den Begriff >Semitismus< an, der aus der theologisch-histor. Literatur kommt und im 19. Jh. Hingang v. a. in Sprachwissenschaft und in Völker­kunde fand. Im weiteren Sprachgebrauch verselb­ständigte sich dieser Begriff: er wurde von vielen mit einem stark negativen Akzent versehen und als ab­wertende Bezeichnung für Geist und Lebensart des -»Judentums gebraucht, die es im Zeichen eines >Anti-Semitismus< zu bekämpfen gelte. Damit erfahren, vom Sprachwissenschaftlichen her gesehen, die Be­griffe >Semitismus< und >Antisemitismus< bes. im politisch-ideolog. Raum eine Einengung auf das Jüdi­sche.

Ältere Formen der Judenfeindlichkeit Bereits in der Spätantike, bes. jedoch im Hoch- und Spätmittelalter, lösten die Bemühungen der Juden, als Minderheit ihre kulturelle, v. a. religiöse Identität in der Diaspora zu bewahren, Diskriminierungen und Verfolgungen aus; religiöser Fanatismus christl. Eiferer, die in den jüd. Zeitgenossen die Nachfahren derer sahen, die Christus getötet haben, und sie kollektiv dafür verantwortlich machten, provozierten in mehre­ren Lädern Europas starke Wellen des Judenhasses, die sich oft zu Pogromen steigerten ( – Judenverfol­gung). Im Prinzip richtete sich die Judenfeindlichkeit gegen das religiös-kulturelle Sonderdasein der Juden; der Jude, der sich taufen ließ, wurde daher als vollgül­tiges Mitgl. der Kirche anerkannt.Neben das religiöse Moment in der mittelalterl. Ju-denfeindlichkeit trat in dieser Zeit auch ein wirt­schaftliches. Da den Juden aufgrund von Konzils-beschlüssen der Kirche Grundbesitzerwerb, Ackerbau und viele handwerkl. Berufe untersagt waren, ihnen aber zugleich das den Christen verbotene Zinsneh-men erlaubt wurde, sahen sie sich hinfort oft auf­grund eines durch die christl. Umwelt erzwungenen Sozialverhaltens dem Vorwurf des Wuchers ausge­setzt. Die Judenfeindlichkeit im hohen und ausgehen­den MA. entzündete sich somit primär an der reli­giösen und sozialen Absonderung der Juden in der Gesellschaft und zielte bis ins 19. Jh. hinein auf die religiöse und soziale Assimilation der jüd. Minder­heit.

Das Wesen des modernen Antisemitismus Der moderne A. ist die säkular gewordene Form der Judenfeindschaft und ihre Ideologie; sie richtet sich primär gegen den Menschen jüd. Herkunft, erst sekundär gegen den Angehörigen der jüd. Religion. Auch ein zum Christentum übergetretener Angehöri­ger der jüd. Religion gilt dem modernen A. weiterhin als Jude. Der moderne A. wendet sich sowohl gegen assimilierte als auch gegen nichtassimilierte Men­schen jüd. Herkunft. Fr bekämpft ihre polit., soziale und rechtl. Gleichstellung mit den übrigen Mitgl. der Gesellschaft. Der Begriff des Juden wurde für die Verfechter des A. zum Inbegriff des Negativen, nicht so sehr im Ggs. zum >Christen<, sondern zum — Arier. In die Vorstellung vom Juden als Mensch von einer bestimmten (abzulehnenden) Eigenart und Herkunft flössen viele der in der Tradition der abendländ. Ju-denfeindschaft erwachsenen negativen Anschauun­gen ein.Der moderne A. ist – historisch gesehen eine feindl. Reaktion auf die Emanzipation der Juden seit dem 18. Jh., wie sie bes. im westlich-abendländ. Be­reich stattfand, philosophisch-moralisch durch die Aufklärung vorbereitet, durch die Frz. Revolution von 1789 politisch gefördert und bis ins 19. Jh. hinein auf rechtl. Gebiet weitgehend verwirklicht worden war. Der moderne A. entsprach zugleich der kulturel­len Symbiose, die sich seit dem 18. Jh. in West- und Mitteleuropa herausgebildet hat und mit dem Über-tritt vieler Angehöriger des jüd. Glaubens zum Chri­stentum einherging. Der entstehende, moderne A. sah in dem nach Emanzipation strebenden Juden den Ex­ponenten einer von ihm mißbilligten Entwicklung von Staat und Gesellschaft; er bekämpfte ihn als Re­präsentanten moderner Staats- und Gesellscharfts­theorien (Liberalismus, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus, Materialismus) sowie als Verant­wortlichen u. a. für die Widersprüche der Gesellschaft und ihrer sich bildenden pluralist. Struktur, für Tradi­tionskritik und aufklärerisches Gedankenpotcntial, für den großen Einfluß einer krit. Presse und den Mangel an nationaler Integrität. Die starke Stellung von Juden im Finanzwesen rief einen latenten, sozial motivierten A. hervor, der in Perioden starker polit. Spannungen (z.B. 1819 oder 1848) in Ausschreitun­gen gegen Menschen jüd. Herkunft umschlug. Größe­ren Einfluß gewann der moderne A. aber erst im spä­ten 19. Jh. im Zusammenhang mit der Krise des Libe­ralismus und der durch die industrielle Revolution eingeleiteten sozialen Umschichtung. Vor allem seil dieser Zeit verbanden sich antisemit. Vorstellungen in immer stärkerem Maße mit nationalist.. aber auch mit monarchisch-konservativen, christl., antiliberalen und antikapitalist. Vorstellungen. Vor diesem ideolog. Hintergrund entwickelten die Antisemiten ihre Lehre zu einem System, das ihnen die Erklärung und Lö­sung aller Weltprobleme bot, und verbanden es mit einer biologisch-determinist. Rassenlehre. Unter An­knüpfung an bestimmte, im 19. Jh. schon umstrittene -» Klassentheorien erhoben sie den Begriff der >Rasse< zum obersten Erklärungsprinzip der geschieht!. Welt: der Begriff der Rasse wurde als zentraler Schlüsscl-begriff zunächst historisiert, später ideologisiert und zum Schluß politisiert. Auf dieser Linie erfuhr der A. im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jh. eine starke Ra­dikalisierung: er forderte nicht allein die Zurückdrän­gung lies jüd. Einflusses, sondern vielmehr darüber hinaus die Ausweisung und schließlich die Vernich­tung von Menschen jüd. Herkunft.

Die Entwicklung des Antisemitismus im 19. und 20. Jh. Das Scheitern der Bewegung von 1848 stärkte in Dtl. eine nationalist. Ideologie, die sich in Kultur und Ethik von >dem rassisch andersgearteten« jüd. Wesen distanzieren zu müssen glaubte. In diese Richtung wies bereits R. Wagners Schrift >l)as Judentum in der Musik« (1850). In den nächsten Jahren wuchs die antisemit. Literatur in Dtl. an. Jakob Friedrich Fries (1773 – 1843), Heinrich Eberhart Gottlieb Paulus (1761 -l 1851). Karl Streckfuss (1778 – 1844) und E. Dühring (auch der Franzose E. Renan) rech­nen ebenso zu den geistigen Vätern des dt. A. wie P. de Lagarde, J. Langbein und E. Drumont. Besonde­re agitator. Wirksamkeit entfalteten Theodor Fritsch (1852 – 1933; >Antisemiten-Katechismus<, 1887, er­reichte bis 1940 als >Handbuch der Judenfrage< 40 Aufl.). August Rohling (l839 – 1931) und Wilhelm Marr (1818 – 1904); sie trugen sehr zur Popularisie­rung des A. bei. Die theoret. Erörterungen, die sich bes. um die Rassenlehren des Grafen Gobineau (>Essai sur l’inegalite des races humaines<, 4 Bde., 1835 55, dt. > Versuch über die Ungleichheit der Men­schenrassen«) und H. S. ciiamhi ri ains (u.a. >Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts«. 1899) entspannen, hatten großen Einfluß auf eine Entwicklung des A. in Deutschland.1879/80 entstanden in Dtl. antisemit- Parteien und Sammlungsbewegungen. Die Judenfeind!. Reden des preuß. Hofpredigers A. Stoecker, der 1880 die >Ber-liner Bewegung« gründete, verhalfen in der Öffent­lichkeit dem A. zum Durchbruch. 1884 entstand der »Deutsche Antisemitenbund«, 1889 die >Antisemit. deutsch soziale Partei«, 1890 die >Antisemitische Volkspartei« (seit 1893 >Deutsche Reformpartei«). Mit der Wahl von 16 Abg. in den dt. Reichstag erreichteder ältere A. in Dtl. seinen Höhepunkt. Der A. fand jedoch bes. auch Hingang im Verbandswesen, v. a. im >Alldeutschen Verband<, aber auch im >Deutschnatio-nalen Handlungsgehilfenverband< oder im >Verband der Vereine Deutscher Studenten< (VVI)St). Der Hi­storiker H. von Treitschke machte den A. gesell­schaftsfähig und löste an der Berliner Universität den >Antisemitismusstreit< mit seinem Fachkollegen T. Mommsen aus. Gegner des A. sammelten sich im > Verein zur Abwehr des A.< (1891 1933).

In Österreich wurde nach 1880 eine einflußreiche antisemit. Bewegung bes. von Georg Ritter von Schönerer geschaffen und von K. Lueger in der >Christlich-sozialen Partei< vertreten. Im Zusammenhang mit der stark sozialdarwinist. Strömung in Westeuropa gewann der rassistisch moti­vierte A. auch in Frankreich an Einfluß und gelangte mit der -> Dreyfusaffäre auf einen Höhe- und Wende­punkt. Während im Westen die polit. Wirksamkeit des A. begrenzt blieb, fand er in Dtl. und Österreich-Ungarn, /..l. durch den Einfluß angesehener Per­sönlichkeiten (z.H. durch R. Wagner und H. Treitschke) sowie in Osteuropa starke Verbreitung. Nach der Niederlage Deutschlands und Öster­reich-Ungarns im Kisten Weltkrieg und der Verar­mung und polit. Desorientierung breiter Schichten in diesen Ländern nahm der A. an Umfang und Schärfe bes. in den extrem rechtsgerichteten, antiparlamentar. Kreisen zu. Sie schoben den Menschen jüd. Herkunft als angebl. Anhängern des >Bolschewismus< die Schuld am Umsturz von 1918 zu. Der Mord an dem dt. Außen-Min. W. Rathenau (1922) stand in diesem Zusammenhang. Sie erklärten den Einfluß der Juden in Wirtschaft, Kunst und Literatur als >zersetzend<. Den antisemit. Agitatoren galten Liberalismus, Kapi­talismus, Sozialismus und Kommunismus nur als ver­schiedene Ausprägungen einer zielgerichteten, >para-sitären< jüd. Unterwanderung; >der Jude< galt ihnen als >Parasit am Volkskörper<. Der A. verband sich nunmehr mit einem extremen Biologismus. Die von dem früheren General E. Ludendorff und seiner zweiten Frau Mathilde geführten Bewegung (>Tan-nenbergbund<) sowie der -*• Nationalsozialismus nah­men diese Tendenzen auf. Die NSDAP stellte sich an die Spitze der antisemit. Agitation und sog auf­grund ihrer Judenfeind). Radikalität die übrigen antisemit. Strömungen allmählich auf. Das Parteipro­gramm der NSDAP von 1920 forderte, daß kein Jude dl. Volksgenosse sein dürfe. A. Hm i k, in seiner Ju­gend u.a. durch Schönerer und Lueger beeinflußt, bezeichnete den A. als >Zement< der nat.-soz. Bewe­gung. A. Rosenberg, einer der führenden Ideologen dieser Bewegung, legte eine erwiesene Fälschung vor: >Die Protokolle der Weisen von Zion<, um eine ge­plante >jüd. Weltverschwörung< zu dokumentieren. Die konservative Kritik an dem stark von jüd. Intel­lektuellen getragenen kulturellen Leben und die nach 1918 verstärkte Einwanderung von Menschen jüd. Herkunft aus Ostmiltel- und Osteuropa begünstig­ten – in Wechselwirkung antijüd. Affekte und Agi­tationen in Deutschland. Nach der nat..-soz. Machtübernahme in Dtl. (1933) und der Errichtung eines diktator. Reg.-Syslems such­ten Hitler sowie die von ihm geführten Regierungs-organe und Parteigliederungen Staat und Gesellschaft sowohl auf administrativ-gesetzl. Wege (Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, 1933; Nürnberger Gesetze, 1935) als auch unter dem Druck terrorist. Aktionen v. a. der SA (Boykott jüd. Geschäf­te, April 1933; Judenfeind). Ausschreitungen, v.a. in der Kristallnacht im Nov. 1938) im antisemit. Sinne radikal und gewalttätig umzuformen. Nach der Beset­zung fast ganz Europas im Zweiten Weltkrieg (1939-45) fand der A. mit der Ermordung eines Großteils der europ. Juden v. a. in den Vernichtungs­lagern der SS (-»Konzentrationslager) seine größte verbrecherische Ausprägung. Dieser 1942 auf der Wannseekonferenz beschlossenen >Endlösung der Judenfrage< fielen etwa sechs Mio. Menschen jüd. Herkunft zum Opfer. Der Völkermord (Genozid) am europ. Judentum deckte noch einmal die prinzipielle Amoralität des A. auf. Der Genozid am europ. Judentum, den der Natio­nalsozialismus in Europa in Gang setzte, führte zu ei­ner weltweiten Ächtung des A. Er wird heute als Vor­urteil geweitet, das in schwerwiegender Form gegen die Menschen- und Bürgerrechte verstößt, so wie die­se v.a. in der Charta der UNO und in der >Europ. Menschenrechtskonvention< niedergelegt sind. In Dtl. entwickelten sich ernsthafte Bemühungen, den A. zu überwinden. Seit 1946/47 entstanden in der Bun-desrep. Dtl. –Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Nach dem GG der Bundesrep. Dtl. werden antisemit. Handlungen und Äußerungen straf rech 11 ich verfolgt. Auch die christl. Kirchen waren zu einer grund­legenden Überprüfung ihres früher uneinheitl. Stand­punktes bereit. Im -»Stuttgarter Schuldbekenntnis (1945) erklärte der Rat der Ev. Kirche in Deutschland (EKD) die Mitschuld der ev. Christenheit in Dtl. an den Vorgängen in der Zeit des Nationalsozialismus. Auf dem Zweiten Vatikan. Konzil verwarf das Ple­num in einer Erklärung den Antisemitismus. Der A. ist aber als kollektives Vorurteil keineswegs überwunden, seine Ächtung erschwert jedoch meist ein offenes Bekenntnis zu ihm; je stärker jedoch die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in den Hinter­grund gedrängt wird, desto häufiger findet antisemit. Vokabular – sei es absichtlich oder unabsichtlich -Anwendung. Häufig (keinesfalls immer) halten sich antisemit. Vorstellungen hinter antikapitalist. und an-tizionist. Argumentationen verdeckt. Antisemitisch motivierte Ausschreitungen (z. B. Grabschändungen) offenbaren ein militantes Judenfeind). Potential bes. in neonazist. Kreisen (-» Neofaschismus).

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