Alltag und Grauen

Mörfelden-Walldorf (ohl). Viele Menschen waren beeindruckt, als im Sommer vor den früheren Häusern jüdischer Mitbürger Stolpersteine gegen das Vergessen verlegt wurden. Auch Lena Kalinowsky und Jana Hechler verfolgten damals die Diskussion um die kleinen, goldenen Bodenplatten und schließlich die feierliche Verlegung der Steine durch den Künstler Gunter Demnig. Als sich der Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau mit Projekt-Vorschlägen für den Geschichtsunterricht an die Bertha-von-Suttner-Schule wandte, zögerten die heute neunzehnjährigen Abiturientinnen nicht lange. In diesen Tagen beenden sie eine umfangreiche Forschungsarbeit zum Thema „Schule im Nationalsozialismus“, die sie als besondere Lernleistung in ihr Abitur einbringen werden.

Ungefähr 200 Seiten dick ist diese Lernleistung geworden. Für die Recherche, die Aufbereitung und schließlich das Verfassen der Arbeit haben die Schülerinnen über 200 Stunden aufgewendet. „Erst wollten wir nur Zeitzeugen befragen und mit Hilfe der Erzählungen die Schicksale jüdischer Kinder aus Mörfelden nachzeichnen“, erzählt Jana Hechler von den Anfängen in den Sommerferien. „Doch dann haben wir bald gemerkt, dass das nicht reicht.“ Nun beschreibt Jana Hechler in groben Zügen das Mörfelden der Nazizeit und widmet sich Ilse Mainzer, die in der Hintergasse 18 wohnte und auf die Feldschule ging, die später in Horst-Wessel-Schule umbenannt wurde. „Ich habe unglaublich viel von den älteren Mörfeldern erfahren können,“ erzählt sie. Doch sei es auch schwer gewesen, weil sich ihre Gesprächspartner natürlich kaum vorstellen konnten, was für eine Geschichtsarbeit wichtig ist und was nicht. „Ich weiß nix,“ habe sie oft zu hören bekommen, erzählt Jana – und dann habe sie doch jede Menge neue Dinge über Ilse Mainzer und die Feldschule gelernt. Ilse Mainzer wurde zusammen mit den anderen Mörfelder Juden im März 1943 zunächst nach Darmstadt verschleppt, am 25. März wurde sie von dort in das polnische Ghetto Piaski deportiert, wo sie später ermordet wurde. Lena Kalinowsky schreibt über das Gagern-Gymnasium in Frankfurt, das einen besonders rassistischen Ruf hatte und über das Philanthropin, ein religionsoffenes jüdisches Gymnasium. Auf das Philanthropin gingen die Geschwister Strauß aus der Mittelgasse 9. Ernst Knöß von den Naturfreunden konnte Lena viel über dieses bekannte Gymnasium erzählen, sein Onkel war dort Hausmeister. Auch mit dem berühmten Frankfurter Historiker Arno Lustiger wird sie noch sprechen. Ruth und Kurt Strauß konnten zusammen mit ihrer Mutter Erna ausreisen, sie flohen in die USA. Der Alltag in der Schule war also genauso Bestandteil der Forschungen, wie die grausamen Erfahrungen der jüdischen Schüler mit dem Antisemitismus der Nazizeit. Wie sehr Schule manipulieren kann, sei ihnen erst im Laufe der Arbeit an dem Thema klar geworden erzählen die Schülerinnen. Das habe man bis in die Formulierungen der Zeitzeugen hinein gemerkt. Einer habe zu Beginn von „den Juden und den Deutschen“ gesprochen. „Als er merkte, woher diese Unterscheidung kommt, war es ihm furchtbar peinlich“, berichtet Jana Hechler. Was in der Schulzeit so verinnerlicht wurde, bekomme man nur schwer aus dem Denken heraus, folgert sie aus diesem und vielen anderen Erlebnissen.

Während ihrer Recherchen haben die beiden Mörfelderinnen aber noch viel mehr gelernt. Mehr als nur die reinen Fakten, die sie für ihre Hausarbeit zusammentragen mussten. Wie man alte Akten auswertet zum Beispiel – oder wie man sie zunächst mal überhaupt findet. Katharina Stengel vom Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt – einem Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust – war vor allem am Anfang eine große Hilfe, berichten die Schülerinnen. Denn sie half bei der Erstellung des Themas und gab Hinweise dazu, wo sich welche Akten finden lassen und wer eventuell in Frankfurt etwas über das Gagern-Gymnasium und das Philanthropin wissen könnte. Auch Hans-Jürgen Vorndran, Vorstandsmitglied des Fördervereins für Jüdische Geschichte und Kultur, kannte sich aus und konnte mit Rat, Tat und Recherche-Ergebnissen von Vereinsmitgliedern zur Seite stehen. Der Geschichtslehrer von Jana und Lena, Christoph Scheibitz, durfte nicht in gleichem Maße helfen. Er darf als Prüfer nur die Form der Arbeit mitbestimmen, nicht aber bei der Ausgestaltung des Inhalts. Loben darf er aber schon: „Die beiden haben sich weit über das für die Prüfung notwendige Maß hinaus in dem Projekt engagiert,“ findet er. Hans-Jürgen Vorndran, der als Vorsitzender des Fördervereins besonderes Interesse an den Fakten hat, die von den Abiturientinnen zu Tage gefördert werden, ist sogar richtig begeistert: „Das ist schon enorm interessant, was da bei den Recherchen an Ergebnissen und Eindrücken herausgekommen ist.“ Vorndran war an die Suttner-Schule herangetreten mit dem Wunsch, Schülerinnen und Schüler in die Projektarbeit einzubinden, die im Rahmen eines Werkvertrages des Fördervereins mit dem Fritz-Bauer-Institut bereits lief. Nachdem man sich in der Schule bewusst geworden sei, wie man das fachlich angehen müsste, habe man die Gelegenheit gerne angenommen, berichtet Christoph Scheibitz. Für das Vorgehen der Schülergruppen – zwei weitere Gruppen beschäftigen sich mit dem Thema – habe man sich am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten orientiert. Jana Hechler und Lena Kalinowsky werden ihre Arbeit am 20. März bei ihren Prüfern abgeben – fast auf den Tag genau 65 Jahre nachdem Ilse Mainzer und die anderen Juden gewaltsam aus Mörfelden verschleppt wurden.

Der Förderverein für jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau bittet Menschen aus Familien, die bereits in den Dreißiger und Vierziger Jahren in Mörfelden lebten, ihre alten Fotos durchzusehen. Vielleicht finde sich ja noch das eine oder andere Foto aus der Zeit, auf dem die Häuser der jüdischen Familien zu sehen sind, hofft der Verein. Auch über Fotos von den Menschen freut sich der Verein natürlich. Alte Briefe oder Dokumente seien ebenfalls von großem Interesse. Wer etwas gefunden hat oder anders weiterhelfen möchte, kann sich bei Hans-Jürgen Vorndran unter der Nummer 951567 melden oder eine E-Mail an hans-juergen.vorndran@web.de schicken.

Jana Hechler und Lena Kalinowsky stellen am 13. April (16 Uhr) im Sitzungssaal des Walldorfer Rathauses die Ergebnisse ihrer Arbeit vor. Bereits am 16. März (16 Uhr) spricht Katharina Stengel vom Fritz-Bauer-Institut ebenfalls im Sitzungssaal des Rathauses über „Ausgrenzung, Ausplünderung und Vertreibung der Juden aus Mörfelden und Walldorf“

Am 19. April wird Gunter Demnig weitere Stolpersteine in Mörfelden verlegen – unter anderem vor dem früheren Wohnhaus der Familie Strauß in der Mittelgasse. Dann werden auch wieder die Lebensgeschichten der jüdischen Menschen erzählt, die in den jeweiligen Häusern lebten und die Patenschaftsurkunden für die Stolpersteine übergeben. Am 20. April (11 Uhr) hält der Künstler im Sitzungssaal des Rathauses Walldorf einen Vortrag über seine Idee der Stolpersteine, die er bisher rund 12.500 mal in 277 Gemeinden in Deutschland, Österreich und Ungarn umgesetzt hat. Gleichzeitig wird im Rathaus eine Ausstellung eröffnet, die Recherche-Ergebnisse der Klasse 10c zeigt. Die Schüler haben sich mit der Lebensgeschichte der Familie Weißhaupt auseinander gesetzt, die in der Elisabethenstraße 6 wohnte.

ALTE FOTOS UND BÜCHER aus der Nazizeit waren wichtige Quellen für die Arbeit von Lena Kalinowsky und Jana Hechler.

EINSCHULUNGSFOTO von Kurt Strauß (Dritter von rechts in der oberen Reihe) aufgenommen vor der Feldschule.

STEINE aus Messing erinnern in der Hintergasse an Ilse Mainzer, ihre Mutter Henriette und ihre Tante Klara Salomon. (Foto: tjr)