01.12.09: Gemeindevorstand für das Projekt

Erinnerung an die Opfer

Stolpersteine: Büttelborn will im kommenden Frühjahr mit der Arbeit beginnen – Grundsatzentscheidung steht

BÜTTELBORN.

Sechs Millionen. So viele Menschen jüdischen Glaubens hat das Hitler-Regime in seinem Rassenwahn ermorden lassen. Es ist eine riesige, unvorstellbare Zahl. Doch sechs Millionen Opfer bedeuten ebenso viele Einzelschicksale. Beschäftigt man sich mit diesen Lebensgeschichten, bekommt der Holocaust ein Gesicht. ,,Gerade für junge Leute ist das unheimlich spannend”, sagte Hans-Jürgen Vorndran im Büttelborner Kulturausschuss.

Der Mörfelden-Walldorfer, Vorstandsmitglied im Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau, referierte über die ,,Stolpersteine gegen das Vergessen”. Bei dem Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig, an dem sich nach einem einstimmigen Parlamentsbeschluss im Juli auch die Gemeinde Büttelborn beteiligen will, werden zehn Kubikzentimeter große Betonsteine in den Bürgersteig eingelassen – und zwar vor jenen Häusern, in denen Menschen vor ihrer Verschleppung durch Nazischergen wohnten. Jeder ,,Stolperstein” ist mit einer Messingplatte versehen, auf der Name, Geburtsjahr, Datum der Deportation und Angaben über das Schicksal des betroffenen Menschen stehen. In Mörfelden-Walldorf wurden 52 Erinnerungsstücke vor 13 Häuser verlegt. Ein 53. Stein soll noch folgen, kündigte Vorndran an (wir berichteten).

Auch wenn vor allem der ehemaligen jüdischen Nachbarn gedacht werde, gehe es grundsätzlich darum, die Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus wach zu halten. Mehr als 480 europäische Städte und Gemeinden haben sich bisher für diese Form des Gedenkens entschieden. Wegen der enormen Nachfrage nach den Stolpersteinen, die Demnig grundsätzlich selbst in Handarbeit fertigt und verlegt, ist nach Vorndrans Erfahrung mit einem Vorlauf von eineinhalb bis zwei Jahren zu rechnen. Zeit, die nicht nur für die Recherche, sondern auch für die Konzeption von begleitenden Projekten genutzt werden könne. Vorndran riet, die Heimat- und Geschichtsvereine mit ihrem fundierten lokalhistorischen Wissen sowie die interessierte Bürgerschaft einzubinden. Auch Lehrer, die das Thema im Schulunterricht behandeln, sollten beteiligt werden.

Die jüdische Geschichte in den drei Büttelborner Ortsteilen ist bereits umfassend erforscht. Fördervereinsmitglied Ulrich Trumpold vom Heimat- und Geschichtsverein (HGV) Büttelborn beschäftigt sich, wie er im Ausschuss berichtete, seit mehr als 20 Jahren mit der jüdischen Geschichte des Ortes. Diese ende im Jahr 1938, da der damalige Bürgermeister damals stolz verkündet habe, Büttelborn sei jetzt ,,judenfrei”. Sechs dortige Anwesen hätten früher Juden gehört. Trumpold möchte mit der Stolperstein-Aktion aber nicht nur an die Ermordeten, sondern auch an die Vertriebenen des Nazi-Regimes erinnern. Viele dieser Einzelschicksale kenne der HGV bereits, aber es bestehe weiter Forschungsbedarf. Eine jüdische Zeitzeugin lebe noch in den USA.

Auch Heinrich Klingler (HGV Klein-Gerau) sieht in dem Projekt ,,eine gute Sache.” In Klein-Gerau hätten zur Hitler-Zeit zwei jüdische Familien gelebt. Mit deren Nachfahren stehe der HGV in Kontakt. Klingler hält es für wichtig, nicht allein die Erinnerung an das Leid wach zu halten, das den Klein-Gerauer Juden zugefügt worden sei. Vielmehr sollte auch erforscht werden, wie diese Menschen vorher gelebt hätten.

Wegen eines Missverständnisses nahm der ebenfalls eingeladene Heinz Sandner (HGV Worfelden) nicht an der Ausschusssitzung teil. An seiner Stelle berichtete Bürgermeister Horst Gölzenleuchter, der kurz zuvor mit Sandner telefoniert hatte, dass die Worfelder Heimatgeschichtler eine Briefkorrespondenz mit einem Zeitzeugen führen. Dieser in den USA lebende Mann, der während der Hitler-Herrschaft geflohen sei, lehne Stolpersteine vor seinem früheren Haus in Worfelden ab. Denn er wolle nicht, dass seine Familie ein weiteres Mal mit Füßen getreten werde. Dieser Wunsch werde respektiert. Laut Trumpold lebten während der Nazi-Zeit vier jüdische Familien in Worfelden. Die Kosten für die 95 Euro teuren Stolpersteine sollen möglichst von Paten getragen werden, etwa von Privatleuten und Sponsoren. Die Gemeinde könne anbieten, Spendenquittungen auszustellen: ,,Das könnte vielleicht ein Anreiz sein.”

Bürgermeister Gölzenleuchter kündigte an, der Gemeindevorstand werde das Projekt gemeinsam mit den Heimat- und Geschichtsvereinen sowie dem Förderverein angehen. Im Frühjahr solle die Arbeit daran beginnen. Mit den Eigentümern der Häuser, vor denen Stolpersteine zu verlegen wären, würden Gespräche geführt. Nichts geschehe gegen deren Willen.