Erinnerungs-Stadtplan vorgestellt

„Gefühlvolle Art des Gedenkens“

Erinnerungs-Stadtplan : Moritz Neumann, Landesvorsitzenden der jüdischen Gemeinden, lobt Arbeit des Dekanats

Gross-Gerau.
|  |

Lebhaftes Interesse weckte das reich bebilderte Faltblatt „Orte der Erinnerung – ein Stadtplan mit Stätten jüdischen Lebens ins Groß-Gerau“, das das evangelische Dekanat aufgelegt hat. Rund 60 Bürger – darunter auch einige Stadtverordnete – kamen zum themenbezogenen Gedankenaustausch mit dem hessischen Landesvorsitzenden der jüdischen Gemeinden Moritz Neumann, Dekan Tankred Bühler, Hans-Georg Vorndran und Jürgen Ziegler in das Gemeindehaus der Stadtkirche.

Das Erinnern an ein so ernstes Datum wie den 9. November 1938, der Auftakt war für Gräueltaten, denen ein Drittel der jüdischen Weltbevölkerung zum Opfer fiel, falle viele Menschen schwer, so Neumann. Obwohl es in Deutschland in nahezu jedem Ort reichlich Anlass gebe, an ehemalige Mitbürger jüdischer Abstammung zu erinnern, stelle sich das Gedenken oft als Pflichtübung dar. Beeindruckt zeigte sich Neumann vom vorgestellten Faltplan „Orte der Erinnerung“, dessen Herausgabe das Medienhaus Südhessen unterstützte. Er weiche von der vielerorts praktizierten Uniformität ab, sei ein gelungenes Beispiel für eine „intelligente und gefühlvolle“ Art des Gedenkens. Eine vergleichbare Empfindsamkeit bringe aus seiner persönlichen Sicht das Stolpersteine-Projekt mit: „Sie stolpern über Namen. Um zu Verstehen, genügt ein kurzer Blick, der eine kleine, schnelle Geschichtslektion ist und zum Nachdenken anregt.“Wer Stolpersteine nicht verlegt sehen will, habe es leicht, könne auf das Präsidium des Zentralrats der Juden verweisen, so Neumann weiter. Aber auch dessen Präsidentin Charlotte Knobloch habe längst akzeptiert, dass der hessische Vorsitzende und mit ihm viele andere ihre ablehnende Haltung nicht teilen. „Wir Juden haben es bewusst vermieden, uns per Abstimmung auf eine einheitliche Meinung festzulegen.“ Im Sinne der Verfassung sei es vordringliche Aufgabe kommunaler Gremien, Aufklärungsarbeit zu leisten. Wer nicht selbst aktiv sein wolle, sollte es wenigstens zulassen und stolz darauf sein, dass andere Menschen bereit sind, diese Aufgabe zu übernehmen.Kurz erläuterten die Groß-Gerauer Hans-Georg Vorndran und Jürgen Ziegler ihren außergewöhnlichen Stadtplan, der die Geschichte jüdischer Familien „verortet“. Aus der Runde der Zuhörer kam der Hinweis auf das gesetzlich festgeschriebene Recht auf freie Meinungsäußerung. Das Groß-Gerauer Stadtparlament müsse zur Kenntnis nehmen, dass es in der Kreisstadt Menschen gebe, die das Bedürfnis haben, Stolpersteine zu verlegen. Die Politik dürfe sich nicht dagegen stellen. „Stolpersteine haben etwas anrührend Menschliches“, stellte eine Rednerin fest und verwies auf die Nachbarstadt Rüsselsheim, in der regelmäßig zahlreiche interessierte Menschen an Gängen entlang der Route verlegter Stolpersteine teilnähmen. In der Auseinandersetzung mit der jüdischen Stadtgeschichte werde man erst dann wirklich weiter kommen, wenn dies von der politischen Mehrheit gewollt sei, so Moritz Neumann. Inzwischen hätten gut 20 Leute ihre Bereitschaft erklärt, die Patenschaft und damit die Kosten für einen Stolperstein übernehmen zu wollen, ließ Dekan Tankred Bühler die Runde wissen.Die Verantwortlichen des evangelischen Dekanats behalten ihr vor knapp zwei Jahren formuliertes Ziel fest im Blick: Das Verlegen von Stolpersteinen aus der Werkstatt des Kölners Gunter Demnig in Groß-Gerau. Zur Erinnerung an die in Zeiten des Nationalsozialismus geächteten, verfolgten und ermordeten Menschen, darunter eine Vielzahl von Bürgern jüdischer Abstammung. Im Mai hatte das Stadtparlament eine Kerbe in den vom Dekanat beschrittenen Weg geschlagen. CDU und Kommunale Bürgerinteressengemeinschaft (Kombi), die in der Stadtverordnetenversammlung über die Stimmenmehrheit verfügen, vermochten sich nicht für das Stolpersteine-Projekt zu entscheiden. Im Bewusstsein, dass der Magistrat das Realisieren der Idee begrüßt hatte, votierten sie gegen die Stolpersteine. Eine Entscheidung, die das Dekanat in den zurückliegenden Monaten zum Handeln anspornte: Filmvorführungen, eine Kunstaktion auf dem Sandböhlplatz, Informationsabende, Theatervorführung und der Stadtplan „Stätten jüdischen Lebens in Groß-Gerau“. Bezugsquelle

Der Faltplan „Orte der Erinnerung – Stätten jüdischen Lebens in Groß-Gerau“ ist kostenfrei beim Evangelischen Dekanat (Helwigstraße 30) sowie in der Geschäftsstelle des Groß-Gerauer ECHO erhältlich. Ergänzende Informationen bietet die Internetseite www.Erinnerung.Org