Zweite Verlegung in Büttelborn

Wo Schicksale sichtbar werden

Gedenken: Gunter Demnig verlegt in Büttelborn für die Familie Hirsch fünf weitere Stolpersteine gegen das Vergessen

BÜTTELBORN.

Fünf Stolpersteine für die Familie Hirsch ließ der Kölner Künstler Gunter Demnig am Montag in der Weiterstädter Straße 12 in Büttelborn ins Pflaster ein. Mehr als 100 Gäste, darunter auch Nachfahren der Familie Hirsch aus Amerika, waren zur Verlegung gekommen. Konfirmanden der evangelischen Kirchengemeinde zeichneten die Lebenswege der Familienmitglieder nach. Foto: Dagmar Mendel

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Fünf Stolpersteine für die Familie Hirsch ließ der Kölner Künstler Gunter Demnig am Montag in der Weiterstädter Straße 12 in Büttelborn ins Pflaster ein. Mehr als 100 Gäste, darunter auch Nachfahren der Familie Hirsch aus Amerika, waren zur Verlegung gekommen. Konfirmanden der evangelischen Kirchengemeinde zeichneten die Lebenswege der Familienmitglieder nach. Foto: Dagmar Mendel

„Für Büttelborn stelle ich fest: Wir haben aus unserer eigenen Geschichte gelernt. Überall, wo Gewalt und Terror stattfinden, gilt es, sich entgegenzustellen und jene zu unterstützen, die dagegen kämpfen“, rief Bürgermeister Horst Gölzenleuchter am Montagvormittag rund 100 Menschen zu. Diese waren zur zweiten Stolpersteinverlegung des Kölner Künstlers Gunter Demnig in Büttelborn gekommen. Die von dem Künstler verlegten fünf zehn mal zehn Zentimeter großen Messingsteine erinnern auf dem Bürgersteig in der Weiterstädter Straße 12 an das Schicksal der jüdischen Familie Hirsch.
Vor dem Wohnhaus der Familie Schneider versammelten sich Büttelborner Bürger, darunter Marie Beißwenger, die Jugendfreundin von Elsie Levy (geborene Hirsch). Verwandte von Levy waren eigens zur Stolpersteinverlegung aus Amerika angereist. „Dass wir heute hier stehen, hat damit zu tun, dass es unvorhersehbare Dinge gibt“, sagte Gölzenleuchter bei der Begrüßung und erinnerte an das Auftauchen einer Schachtel mit Erinnerungsstücken von Elsie Levys Mutter Johanna Hirsch.

Johanna Hirsch hatte die Gebetsbücher und Fotografien kurz vor ihrer Deportation ihrer Nachbarin Martha Specht zur Verwahrung überreicht. „Wir haben uns nicht getraut, diese Dinge wegzuwerfen, sondern wollten sie einem Museum übergeben“, erklärte Spechts Schwiegersohn Axel Bund aus Schöneck bei Hanau dem ECHO. Seine Schwiegermutter habe die Erinnerungsstücke über vier Umzüge hinweg aufbewahrt. Über die Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der jüdischen Geschichte im süddeutschen Raum und deren Webseite „Alemannia Judaica“ kam schließlich der Kontakt zu Joachim Hahn aus Plochingen zustande, der den Büttelborner Bürgermeister informierte.
Dieser erinnerte sich noch gut an den Besuch von Elsie Levy im November 1988 zum 50. Jahrestag der Pogromnacht. Die heute 94 Jahre alte Elsie Levy, die aus Altersgründen die Reise nach Büttelborn nicht mehr auf sich nehmen konnte, habe damals vor einer Wiederholung des Krieges und der entsetzlichen Gewaltverbrechen gemahnt.
Erst vor einigen Tagen von einer Reise nach Gomel und Minsk zurückgekehrt, schilderte Gölzenleuchter ein Gespräch mit einem Überlebenden des Minsker Ghettos. „Was uns vermittelt wurde, ging unter die Haut“, sagte er sichtlich bewegt und bat die Nachfahren der Familie Hirsch um Entschuldigung für das Leid, das die jüdische Bevölkerung durch die Nationalsozialisten erlitten hat. Traurig gestimmt habe ihn der Anblick der Familienfotos, auf denen das Ehepaar Hirsch stolz auf seine beide Söhne Ferdinand und Ludwig und auf Tochter Elsie blickt – nur wenige Jahre, bevor es in Auschwitz ermordet wurde.
Für die Verlegung von Stolpersteinen auch in anderen Orten im Kreis Groß-Gerau warb Hans-Jürgen Vorndran vom Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur. Menschen würden dadurch in ihrem alltäglichen Umfeld erinnert, wer ihre jüdischen Nachbarn waren und wo sie lebten, ehe sie von den Nationalsozialisten systematisch ausgeraubt und ermordet worden seien, sagte Vorndran.

Im Anschluss verlas Ulrich Trumpold einen Brief, den Elsie Levy 1989 an die Büttelborner Künstlerin Erika Bopp schrieb, die heute in der Schweiz lebt. Auf ihre Jugend in Büttelborn zurückblickend, schrieb Levy: „Niemand erwartete die Dinge, die kamen. Jeder dachte, der Hitlerwahn sei eine vorübergehende Episode und kein deutscher Bürger würde sich davon überzeugen lassen. Aber Angst ist eine schreckliche Waffe, und die Nationalsozialisten haben sie genutzt.“ Ihre Familie habe es vermieden, im Ort gesehen zu werden, doch die Lage sei fast täglich unerträglicher geworden. „Büttelborn war eines der schlimmsten Dörfer, was den Antisemitismus anbelangt“, schrieb Levy und fügte hinzu: „Ich weiß nicht, weshalb so gute, anständige Menschen wie meine Eltern so endeten, während wir uns retten konnten.“
Konfirmanden der evangelischen Kirchengemeinde zeichneten die Lebenswege der Familie Hirsch nach. Während den drei Kindern zwischen 1935 und 1938 die Flucht in die USA gelang, wurde Leopold Hirsch aus gesundheitlichen Gründen die Einreise in die USA verweigert. Die Eltern wurden am 27. September 1942 nach Theresienstadt verschleppt, ehe sie in Auschwitz ermordet wurden.
Ihre Tante sei sehr aufgeregt und mit ihren Gedanken in Büttelborn, sagte Ruth Hirsch, Tochter von Ludwig Hirsch. Mit ihrem Mann Steve Samuels und dem Enkel von Elsie Levy, Mike Randall und dessen Frau Alison, weilt die Amerikanerin für einige Tage zu Besuch in Büttelborn. Sie freute sich über den freundlichen Empfang und zeigte ein Foto von Elsie Levy.
Auch Joachim Hahn berichtete von einer Mail, die er von Elsie Levy unlängst erhielt. Er berichtete, dass sie sich über die nach 70 Jahren aufgetauchten Erinnerungsstücke zwar freue. Zugleich stimmten sie sie aber auch traurig, da sie daran denken müsse, was ihre Eltern hätten ertragen müssen, während sie nicht helfen konnte.
Die mit einer Patenschaft verbundene Finanzierung der Stolpersteine übernahmen Christa Schneider (für Leopold Hirsch, geboren 1886), Elke Jurischka-Leimbach (für Elsie Levy, geboren 1917), Stefan Leimbach (für Ludwig Hirsch, geboren 1914), Ingrid und Ludwig Würtemberger (für Ferdinand Hirsch, geboren 1913) sowie Armin und Bea Bopp (für Johanna Hirsch, geboren 1890). Petra Kunik von der jüdischen Gemeinde Frankfurt trug das Gebetgedicht „Jeder Mensch hat einen Namen“ vor und betete das Totengebet.