Knappe Mehrheit im Parlament für Stolpersteine

Prinzip der Freiwilligkeit gilt

Stolpersteine – Knappe Mehrheit im Stadtparlament spricht sich für die Verlegung in Groß-Gerau aus

GROSS-GERAU.

Jürgen Martin, Fraktionsvorsitzender der SPD in der Stadtverordnetenversammlung, brachte es in einer persönlich gehaltenen Rede auf den Punkt: Es sei ihm ein Bedürfnis, dass zumindest die Namen aller Juden in seiner Heimatstadt Groß-Gerau, die von den Nazibanden verfolgt wurden, „in angemessener Form dem Vergessen entrissen werden“. Darum hatte die SPD ihren Antrag „Stolpersteine gegen das Vergessen“ im vergangenen Jahr erneut vorgelegt.
2009 hatte die damalige Parlamentsmehrheit aus CDU und Kommunaler Bürgerinteressengemeinschaft (Kombi) das Ansinnen abgelehnt, dass die Stadt die Verlegung von Stolpersteinen durch den Kölner Künstler Gunter Demnig in die Wege leitet. Die Initiative für diese Form des Gedenkens war ursprünglich vom Evangelischen Dekanat Groß-Gerau angestoßen, dem Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau unterstützt und dann ins Parlament getragen worden. Diesmal ergab die Abstimmung ein knappes Ja für das Vorhaben: 14 (SPD, Grüne, Linke) zu 13 Gegenstimmen bei einer Enthaltung aus den Reihen der Grünen.
Wesentlicher Bestandteil des nun angenommenen Antrags ist, dass die Grundstückseigentümer, vor deren Häusern solche Stolpersteine verlegt werden könnten, ihre Einwilligung geben – auch wenn die Steine sich im öffentlichen Raum befinden. Die Steine sind zehn Mal zehn Zentimeter groß und werden im Boden versenkt. Oben tragen sie eine Messingplatte, auf der steht, wer vor der Vertreibung in jenem Haus gelebt hat. Die Steine werden ausschließlich über Patenschaften finanziert; einer kostet 120 Euro.

Nach erfolgter Beschlussfassung sollte ein Aufruf zur Übernahme von Patenschaften erfolgen, der nicht nur von einem Repräsentanten des Dekanats, sondern auch vom Stadtverordnetenvorsteher und einem Magistratsmitglied unterzeichnet werden sollte, heißt es in dem SPD-Antrag, den die Fraktion auf Wunsch des Bürgermeisters leicht geändert hatte.

Unabhängig von diesem Text wünschte sich Jürgen Martin, dass die Stadt weiter bei den Nachforschungen zum jüdischen Leben in der Stadt hilft und die bereits vorhandene Liste so möglichst vervollständigt werden kann. Bürgermeister Stefan Sauer (CDU) sagte zu, sich deswegen nochmals an den Stadtmuseumsleiter zu wenden. Er betonte dann, dass Groß-Gerau auch ohne Stolpersteine eine Gedenkkultur habe, auf die die Stadt stolz sein könne. Sollte es eine Mehrheit für das Vorhaben geben, erklärte Sauer, dass die Pflege verlegter Steine Angelegenheit der Eigentümer und nicht der Stadt sein müsse. Schwierig findet er die Abgrenzung des Personenkreises, an den mit den Steinen erinnert werden soll.
Auch Karlheinz Wamser (Kombi) äußerte Bedenken. Er fürchtete, dass trotz des Freiwilligkeitsprinzips Druck auf Hauseigentümer ausgeübt werden könnte. Auch kritisierte er die Preissteigerung bei den Steinen, die vor drei Jahren noch 90 Euro gekostet hätten. Er sprach von einem faden Beigeschmack. Gedenken sollte in seinen Augen nicht auf dem Boden stattfinden.

Stadtverordnetenvorsteher Christian Wieser (CDU), der die Sitzung wegen einer Verspätung diesmal nicht leitete, sah zwar, wie er sagte, das Argument der Vernetzung des Gedenkens (denn die Steine werden in vielen Städten verlegt). Doch bewegten die kleinen Steine ihn nicht wirklich. „Ich hätte gerne einen großen Stolperstein“, sagte er, nämlich auf dem Marktplatz. Dort hätten sich die Menschen versammeln müssen, die deportiert wurden. Das sei der richtige Platz für das Erinnern und Mahnen in Groß-Gerau. Auch dort könnten auf einem Denkmal alle bekannten Namen Groß-Gerauer Juden erwähnt werden. Generell stellte Wieser wie auch schon Jürgen Martin fest, dass es im Parlament einen Konsens darüber gebe, dass niemand die richtige Form des Gedenkens gepachtet habe.

Renate Wahrig-Burfeind von den Grünen berichtete in ihrer nachdenklichen Rede, dass sie kürzlich in Wiesbaden über drei Steine „gestolpert“ sei. Sie nannte es ein „dezentes Gedenken“, ein kleines, nicht aufdringliches Mahnmal. Es könne Symbol sein für die Millionen Menschen, die während der Nazizeit umgebracht wurden. Und es sorge für ein ständiges Erinnern, denn das Thema sei längst nicht vorbei, wie die Taten von Neonazis zeigten.