Die ersten 5 Stolpersteine wurden verlegt

Verbeugung vor jüdischen Opfern

Stolpersteine – Fünf beschriftete Quader erinnern an die Familie Kahn, die aus Groß-Gerau vertrieben wurde

Vergrößern | Gunter Demnig verlegte die ersten Stolpersteine in Groß-Gerau. Die Aktion zog am Freitagabend rund 200 Menschen an den Sandböhlplatz/Ecke Darmstädter Straße. Foto: Dagmar Mendel

GROSS-GERAU.

Dumpf dröhnen die Hammerschläge, als Bildhauer Gunter Demnig am Freitagabend am Sandböhl fünf messingglänzende Stolpersteine in die Erde klopft. An der Ecke Darmstädter Straße Nummer zehn füllt der Künstler die Vertiefung mit Lehm auf, passt rundum die Granitsteine ein, die den Platz pflastern: Gedacht wird der jüdischen Familie Kahn, die hier zuhause war und Opfer des Naziterrors wurde.

Knapp 200 Menschen nahmen an der ersten Verlegung von Stolpersteinen in der Stadt teil. Während der Schläge, mit denen die Quader in Gedenken an fünf Mitglieder der jüdischen Familie festgeklopft werden, schauen viele in ehrfürchtigem Schweigen zu. Allerdings ist es nur ein Bruchteil der Anwesenden: Im Kreis der Zuhörer stehen die meisten zu weit entfernt.
„Bedauerlich“, findet mancher, doch die Organisatoren der Gedenkfeier haben parallel zur Einsetzung der Steine zahlreiche Ansprachen aufs Programm gesetzt. Wohin also die Aufmerksamkeit wenden? Ganz Ohr hin zu Jürgen Ziegler vom Kreisförderverein jüdische Geschichte und Kultur, der zum Prozedere der brutalen Auflösung des Haushaltes Kahn 1937 referiert, oder mit bewegten Herzen hin zu den bleiernen Hammerschlägen, die den Opfern rund 70 Jahre nach dem Grauen ein Denkmal setzen?

„Zu viele Worte, wo Schweigen angebracht wäre?“, fragen sich leise manche Zuhörer. Das Evangelische Dekanat, der Förderverein jüdische Geschichte sowie die Kreisstadt haben die Gedenkstunde ausgerichtet.

Ehrengäste sind Gary und Jay Kahn, die Söhne des 1936 in die USA geflüchteten Karl Kahn, der dort mit seinen Eltern Julius und Frieda überlebte. Ebenfalls anwesend ist die Witwe des mittlerweile verstorbenen Karl Kahn. Bewegt lauschen die Angehörigen aus Chicago im gleißenden Licht der installierten Strahler den Rednern. In Vertretung des Bürgermeisters begrüßt Stadtrat Jochen Auer (SPD). Dekan Tankred Bühler richtet seine Worte an die Mitglieder der Familie Kahn: „We are very glad, that you are with us – wir sind sehr glücklich, dass Sie bei uns sind.“

Künstler Gunter Demnig, der Mann mit dem markanten Hut, spricht eindringliche Worte. „Niemand kann sagen, dass der Hintergrund des Projekts Grund zur Freude ist. Sechs Millionen Juden und nochmals so viele aus anderen Gründen Verfolgte wurden umgebracht.“ In rund 800 Kommunen europaweit wurden bis jetzt mehr als 30 000 Stolpersteine verlegt. Es sei ein Schüler gewesen, der eine treffende Beschreibung des Anliegens gegeben habe, so Demnig. „Er sagte, Stolpersteine haben den Sinn, dass wir mit Herzen und Gedanken stolpern, innehalten.“ Wer die Namen der Opfer lesen will, sei gezwungen, sich herabzubeugen – sich zu verbeugen vor den Toten und Verfolgten, so Demnig. Julius und Frieda Kahn mit Sohn Karl, die in der Darmstädter Straße 10 das „Kaufhaus Kahn“ führten, gelang es, fern der Heimat den Naziterror zu überleben. Die Schwester von Julius Kahn, Johanna, und ihr Mann Leopold, wurden 1944 in Auschwitz ermordet. „Was mögen ihre letzten Gedanken gewesen sein? Ich frage mich das immer wieder“, sagt Gary Kahn in ergreifender Ansprache.

Petra Kunik von der jüdischen Gemeinde Frankfurt spricht ein Totengebet. Den fünf Bürgern der Stadt, die als Paten die Kosten der Stolpersteine (jeweils 120 Euro) tragen, galt Dank. Weitere Stolpersteine für die damals 167 Groß-Gerauer Juden sollen folgen, so Dekan Bühler. Patenschaften sind willkommen.