Holocaust-Gedenktag am 27.01.13

Groß-Gerauer Echo
29. Januar 2013  | amo

Erinnern mit Bildern im Kopf

Holocaust-Gedenktag – In der ehemaligen Synagoge Erfelden lesen Schauspieler Gedichte zu Auschwitz

ERFELDEN.

Seit 17 Jahren ist der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 bundesweiter Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

„Ein solcher Tag ist zwar auf einen Punkt in der Vergangenheit gerichtet, bekommt aber nur Sinn, wenn wir es für uns heute bedenken“, erklärte Walter Ullrich, Vorsitzender des Fördervereins Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau, zur Eröffnung der Matinée am Sonntagvormittag in der ehemaligen Synagoge Erfelden. Denn sonst blieben die ungeheuren Verbrechen von damals in der Vergangenheit – ein Thema, das abzuhaken sei. Das aber sei es nicht, mahnte Ullrich. „Wir tragen das in uns. Ich frage mich nicht, was hätte ich getan, sondern: was tust du?“

Jedes Jahr wähle der Förderverein eine andere Form des Gedenkens, dieses Mal sei es die Lyrik. Allerdings habe man schnell gemerkt, wie schwer das sei. „Man kann sich Auschwitz nicht lyrisch nähern.“ Aber es hätten sich Texte gefunden, die Bilder im Kopf entstehen lassen sollten.

„Bilder im Kopf“ war denn auch der Titel der Gedenkveranstaltung. „Sie können auch die Augen schließen, damit Verborgenes aufsteigen kann“, riet Ullrich den Zuhörern. Sein erstes Bild entstand noch vor Beginn der Lyrik-Lesung: Kurz blitzte die Sonne durch die Wolken und malte Kringel durch die Buntglasfenster auf die Wände der früheren Synagoge. „Es läuft mir kalt runter, wenn ich bedenke, wer hier früher saß und Gottesdienst feierte“, bekannte Ullrich mit Blick auf die Sonnenkleckse.

Der Fördervereinsvorsitzende freute sich, dass Ensemblemitglieder der Büchnerbühne für den Lyrikvortrag gewonnen werden konnten. „Ich war zuerst ehrlich gesagt erschrocken von der Idee, Gedichte zu Auschwitz vorzutragen“, gestand Theaterleiter Christian Suhr. Schließlich gebe es eine Vielzahl an Gedichten, die geradezu in Gefühlen und Betroffenheit baden. Doch Walter Ullrich habe Texte zweier Dichterinnen vorgeschlagen, die ihn überzeugt hätten.

Zum einen Barbara Wind, die 1949 mit ihren Eltern in die USA emigrierte. Der Band „Auf Asche gehen“ vereint ausgewählte Gedichte zum Holocaust von ihr, die mit der Unschuld und Klarheit eines Kindes auf das Geschehene schauen, „sie zeugen aber auch von praktischer Vernunft in der Not“. Die zweite Autorin war Béa Chwylla, die in der 2011 erschienenen Gedichtsammlung „Weißt du, wie viele Sterne Hunger haben?“ Texte jeweils auf Deutsch, Englisch, Französisch und Polnisch veröffentlicht hat, um den Nuancen in jeder Sprache gerecht zu werden. Mélanie Linzer, Christian Suhr und Finn Hanssen trugen sie auf Französisch, Englisch und Deutsch vor.

Zu Anfang jedoch erinnerte Suhr sich „an eine Katastrophe in meiner Schulzeit“. Zu Beginn der Oberstufe habe ein wohlmeinender Lehrer die Schüler unvorbereitet einen Kurzfilm mit Originalszenen aus dem Vernichtungslager Auschwitz sehen lassen, zu denen Paul Celan seine „Todesfuge“ rezitierte. Ohne Aussprache habe der Lehrer dann die zutiefst verstörten Schüler in die Pause entlassen. „Die Reaktion des Kurses war ein Gefühl größtmöglicher Abwehr.“ Dennoch habe er später zu seiner Überraschung festgestellt, dass er sich unbewusst den Text der „Todesfuge“ eingeprägt hatte – wie er gleich unter Beweis stellte. Und er zitierte Celan aus seiner Dankesrede zur Verleihung des Büchnerpreises 1960: „Ich finde den Meridian des Unaussprechlichen.“

Die „Bilder im Kopf“ stellten sich dann rasch ein bei Gedichten, die sich mal lakonisch der Sprache der Täter bedienten („wir machen von ihnen Gebrauch, auch von Haaren und Zähnen“, „Töten ohne Widerstand ist kein Abschlachten“), dann wieder aus Sicht der Opfer von Kinderschneidern im Ghetto von Lodz oder Zwangsprostitution in Auschwitz berichten. In drei Sprachen erzählt Béa Chwylla von dem Kind, das jeden Abend Käse für den Abendstern auf das Fenstersims legt, selbst als es schon versteht, dass der Abendstern keinen Hunger hat. „Aber der Davidstern hat Hunger – jeden Abend.“ Still und in sich gekehrt verließen die Zuhörer die ehemalige Synagoge, im Kopf viele Bilder.