25 Jahre Förderverein am 09.02.2014

Grußwort Erster Kreisbeigeordneter

Walter Astheimer

25 Jahre Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur

  1. Februar 2014, 11 Uhr, Georg-Büchner-Saal

Der Kreis Groß-Gerau schätzt sich glücklich, dass der Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur für die Feier seines 25jährigen Bestehens den Georg Büchner-Saal im Landratsamt ausgewählt hat, den Tagungsraum unseres Parlaments. Damit wird unsere enge Verbindung zu diesem Verein deutlich, der vor einem Vierteljahrhundert nicht zuletzt auch dank der tätigen Mithilfe des Kreises und von Landrat a.D. Willi Blodt persönlich aus der Taufe gehoben worden war.

Der Kreis ist von der ersten Stunde an Mitglied des Fördervereins und hat, wann- und woimmer dieses möglich war und nötig schien, dessen Arbeit mit aller Leidenschaft, nach bestem Können und Vermögen unterstützt. Diese Unterstützung ist und bleibt ein kleiner, aber sehr ernsthafter Ausdruck unseres Bemühens, den Anteil jüdischen Lebens am Gedeihen der Region und des Kreises wertzuschätzen.

Zugleich steht sie für unsere Verpflichtung, die Erinnerung an das Leid, welches unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern vor allem in der Zeit von 1933 bis 1945, aber beileibe nicht nur in dieses fürchterlichen zwölf Jahren, zugefügt wurde, zu bewahren. Im eigenen wie im Gedächtnis unserer Nachgeborenen. Ich bekräftige deshalb mit Nachdruck das, was Landrat Willi Blodt bei der Gründung des Fördervereins einst versprochen hat:

Wir, die Rechtsnachfolger der Täter, die Kinder der Zu- wie der Wegschauenden, wollen und werden es niemals vergessen, was unter dem Namen „Holocaust“ in den Geschichtsbüchern steht, und was vor gerade einmal acht Jahrzehnten auch in unserer Nachbarschaft, in unseren Städten und Gemeinden geschehen ist.

Wir stehen auch heute, am 9. Februar 2014, 69 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, in einer Schuld, die nicht relativiert werden kann. Und die nicht und niemals verjähren kann, solange sich noch jemand an sie erinnert. Und aus der uns allenfalls die Opfer und ihre Angehörigen jemals zu entlassen vermögen.

Wir wissen: Der Holocaust bleibt in seinem Ausmaß und in seinem Wahnwitz singulär.

Aber wir wissen darüber hinaus auch, dass sich der Vernichtungsfeldzug der Nazis einreiht in die lange Liste der Leiden, die in den zwölf Terrorjahren des Tausendjährigen Reichs zeitgleich Homosexuelle, Christen, Sozialisten und Kommunisten, Sinti und Roma, psychisch Erkrankte und viele andere Minderheiten in Deutschland, durch Deutsche und in deutschem Namen zugefügt worden ist.

Nicht zufällig haben wir vor wenigen Wochen in der Eingangshalle des Landratsamtes eine Stele installiert, die an den besonderen Leidensweg der Menschen mit geistigen Behinderungen und an die Euthanasiepolitik der Nazis erinnert.

Lange, womöglich viel zu lange, haben wir im Wissen um das Ausmaß dieser Schuld schamvoll geschwiegen, haben uns, durch die „Gnade der späten Geburt“  begünstigt, als Nichtwissende und Nichtbeteiligte ausgegeben. Und haben am Ende womöglich selbst an die Lebenslüge des Wegsehenkönnens geglaubt.

Es ist auch, aber es ist nicht allein das Verdienst des Fördervereins, uns, die Nachgeborenen, aus dieser Schockstarre erlöst zu haben. Zuvor gab es die Auschwitz-Prozesse, gab es die Holocaust-Serie im Fernsehen, gab es Filme wie „Schindlers Liste“, die uns das Schreckliche immer wieder nahebrachten. Dann gab es die unvergessene Rede von Richard von Weizsäcker. Und es gab Menschen, die unerbittlich nachgefragt oder die ihr Schweigen endlich überwunden und erzählt haben. Oft sehr spät, aber niemals zu spät. Inzwischen liegen in vielen Gemeinden des Kreises auch „Stolpersteine“.

Der Förderverein steht für dieses hartnäckige Nachfragen, steht für die Pflege des Erbes des jüdischen Lebens in Deutschland, das nun einmal auch ein Erbe des Leidens ist. Er ist die Stimme der Sprachlosen und der lange Verstummten. Er hat sich nicht nur um den Ankauf und die gelungene Wiederherstellung der ehemaligen Synagoge in der Erfelder Neustraße gekümmert und das Gebäude dann in einer mühevollen Kleinarbeit zu einer Stätte des Gedenkens gemacht. Er organisiert dort seitdem unermüdlich Begegnungen – mit den immer weniger werdenden Opfern, soweit diese noch gehen und sprechen können. Begegnungen aber auch mit den Elementen der jüdischen Kultur, der jüdischen Musik und der jüdischen Literatur, die manchen zwar fremd sein mag, aber weiterhin ein Grundpfeiler unserer abendländischen Zivilisation ist.

Der Verein um Walter Ullrich lebt in ungezählten Veranstaltungen, mit seinem Reiseangebot, mit seinen Tagen der offenen Tür, zugleich das vor, was heute, im Jahr 2014, Grundlage unserer demokratischen Kultur ist:

Aufklärung und Toleranz, die Achtung und Wertschätzung des Anderen, des Fremden – mag es nun in unserer Nachbarschaft ansässig sein oder in Flüchtlingsbooten zu uns kommen.

Dafür heute ein Dankeschön – an die Gründer, Mitglieder, Förderer und Freunde des Fördervereins.

Wir verneigen uns weiterhin vor ihrer Arbeit, ihrem Engagement, ihrer Kraft und Geduld und vor ihrem Mut. Glaube bloß niemand, diese Arbeit wäre heute überholt oder gar überflüssig. Denn wie hat es uns Bert Brecht einst vorgegeben:

Das da hätt’  einmal fast die Welt regiert,

Die Völker wurden seiner Herr, jedoch

Ich wollte nicht, dass Ihr schon triumphiert,

 der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!

Manchmal überfällt mich die Angst, dass dieser Schoß sieben Jahrzehnte nach Auschwitz, in Zeiten von Weltwirtschafts- und postmoderner Sinnkrise eher fruchtbarer wird denn versiegt.

Deshalb: Wir brauchen Sie, wir brauchen den Förderverein weiterhin.