Nur Grabsteine sind geblieben

Geschichte – Rundfahrt zu jüdischen Friedhöfen der Stiftung Alte Synagoge legt Leerstellen in Lokalhistorie bloß

Hunderte Grabsteine auf dem jüdischen Zentralfriedhof in Groß-Gerau zeugen von den vertriebenen und vernichteten jüdischen Gemeinden. Die Stiftung Alte Synagoge veranstaltete eine Busfahrt zu den Überresten der jüdischen Grabstätten in der Region.  Foto: Jan Stich

Hunderte Grabsteine auf dem jüdischen Zentralfriedhof in Groß-Gerau zeugen von den vertriebenen und vernichteten jüdischen Gemeinden. Die Stiftung Alte Synagoge veranstaltete eine Busfahrt zu den Überresten der jüdischen Grabstätten in der Region.  Foto: Jan Stich
Zur Ausstellung „Legalisierter Raub – Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945“ im Stadtmuseum lud die Rüsselsheimer Stiftung Alte Synagoge zu einer Bustour zu Überresten jüdischer Friedhöfe in der Region ein. Mancherorts sind die Gräber die einzigen Zeugnisse ehemals großer jüdischer Gemeinden.

Knapp 50 Interessierte waren der Einladung der Stiftung Alte Synagoge gefolgt. Mit dem Bus ging es quer durch den Kreis, von Rüsselsheim aus über Groß-Gerau und Kelsterbach nach Flörsheim. An drei der vier ehemaligen jüdischen Grabstätten ist im wahrsten Sinne des Wortes „Gras drüber gewachsen“. Von den ehemaligen jüdischen Abteilungen auf den Friedhöfen von Rüsselsheim und Kelsterbach scheint kein einziges Bild überliefert und die genauen Umstände ihrer Zerstörung sind für die Historiker wegen fehlender Dokumente und Zeugenaussagen nur schwer nachvollziehbar. Auf dem Rüsselsheimer Waldfriedhof sind neben dem Gedenkstein fünf gefundene jüdische Grabsteine an anderer Stelle wieder aufgestellt worden, auf dem Kelsterbacher Friedhof erinnert nur noch ein Mahnmal an die verschwundenen Gräber.

Besser dokumentiert ist, was mit dem Flörsheimer jüdischen Friedhof während der Nazi-Jahre geschehen ist. Die jüdische Gemeinde Flörsheim war gezwungen, ihren Friedhof zu verkaufen, nachdem Teile der Bevölkerung ihn davor bereits verwüstet hatten. Der Landwirt, der den Friedhof kaufte, entfernte die Steine, pflügte die Gräber um und begann dort Getreide anzubauen. Es soll Kinder gegeben haben, die mit hochgepflügten Schädeln Fußball spielten, berichtete der Jurist Werner Schiele, der sich in seiner Freizeit damit befasst, die letzten Spuren des jüdischen Lebens in Flörsheim zu sichern.

Der wichtigste jüdische Friedhof des Kreises ist der Zentralfriedhof neben dem Groß-Gerauer Freibad. Die Zäsur in der 180-jährigen Friedhofsgeschichte ist deutlich sichtbar. Hunderte Grabsteine stammen aus den ersten 100 Jahren des Friedhofs. In den 80 Jahren danach haben sich hier noch genau zwei Juden begraben lassen. Auch auf den Grabsteinen ist der Schrecken der Shoah ablesbar. Die Familiengräber aus den 1920-er und 1930-er Jahren sind zumeist nur halb belegt. Flucht, Vertreibung und Deportation des länger lebenden Partners verwehrte vielen Paaren die geplante gemeinsame Bestattung. Die vorbereiteten Grabstein-Hälften werden auf ewig leer bleiben müssen.

Doch auch die älteren Grabsteine verraten viel über die jüdische Geschichte, erklärt Ulf Kluck, der sich als ehemaliger Gartenamtsleiter seit Jahrzehnten um den Friedhof kümmert. So seien die ganz alten Grabsteine oft nur auf hebräisch beschriftet. An der Zunahme deutscher Texte lasse sich die fortschreitende Integration der Juden um die Jahrhundertwende ablesen.

Bei der Judenvernichtung wären die Nazis nach der Parole „erst die Lebenden, dann die Toten“ verfahren, berichtet Hannes Pflügner vom Stadtmuseum, der die Fahrt geplant hatte. So seien von manchen jüdischen Gemeinden eben nur noch die Grabreste geblieben. Es mutet gespenstisch an, dass alles, was uns vom einst bunten jüdischen Leben im Rhein-Main-Gebiet geblieben scheint, die Toten und ihre Grabsteine sind.

Doch am Ende haben die Nazis und ihre Wahnfantasien von „Judenreinheit“ eben doch nicht gesiegt. Seit den 1980-er Jahren gibt es einen starken Zuzug jüdischer Menschen aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Larissa Eisenberg aus Kiew ist eine von ihnen, gemeinsam mit ihren Bekannten nahm sie auch an der Bustour teil. Zwar gehört die Rüsselsheimerin nun der jüdischen Gemeinde in Wiesbaden an, doch die ehemalige Synagoge in der Mainzer Straße besucht sie trotzdem regelmäßig. Eine Sprachlehrerin gibt hier alle zwei Wochen Deutschunterricht.

Doch das Problem des Antisemitismus war 1945 nicht mit einem Schlag beendet. Eine Teilnehmerin fragte Schiele, warum der jüdische Friedhof Flörsheim nicht besser ausgeschildert sei. Schiele erinnerte an eine große Gedenkfeier anlässlich des 100. Geburtstages von Jakob Altmeier, die es hier 1989 gegeben habe. Der jüdische Widerstandskämpfer und SPD-Politiker war Abgeordneter im ersten deutschen Bundestag und ist auf dem jüdischen Friedhof Flörsheim begraben.

Zwei Wochen nach der Gedenkfeier waren sämtliche Gräber mit gelben Hakenkreuzen und SS-Runen beschmiert, auf die Friedhofsmauer hatte jemand „Juda verrecke“ geschrieben. So ist es auch 2015 noch so, dass die beiden verbliebenen jüdischen Friedhöfe mit dicken Stahlschlössern gesichert sind, die Stadtbedienstete bis heute nur auf Anfrage öffnen.