Buchvorstellung \”Steine gegen das Vergessen\”

Lebensgeschichten statt Zahlen

Buchvorstellung: Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur legt Werk über die Stolpersteine in Mörfelden-Walldorf vor

MÖRFELDEN-WALLDORF.

Das Buch „Steine gegen das Vergessen – Stolpersteine in Mörfelden-Walldorf“ ist zum Preis von 8,50 Euro an folgenden Verkaufsstellen erhältlich: Buchhandlung Giebel in Walldorf, Ludwigstraße 47, und in Mörfelden, Langener Straße 14; Stadtbüros in den Rathäusern in Mörfelden und Walldorf.

Bei Rückfragen zum Buch steht Hans-Jürgen Vorndran in der Schwarzwaldstraße 1 zur Verfügung, Telefon 06105 951567.

Lebensgeschichten erzählen mehr als nackte Zahlen. Diese Erkenntnis setzt der Förderverein jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau um, indem er das Buch ,,Steine gegen das Vergessen – Stolpersteine in Mörfelden-Walldorf” herausgibt. Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Vorndran, der für den Inhalt des knapp 200 Seiten dicken Bandes verantwortlich ist, Vorsitzender Walter Ullrich und Rudi Hechler, der für Layout und Herstellung verantwortlich zeichnet, stellten das Werk, das aus dem Stolpersteinprojekt in der Stadt Mörfelden-Walldorf erwuchs, am Dienstag im Rathaus vor.In dem reich bebilderten Buch werden die Lebensläufe der Menschen jüdischer Herkunft aus Mörfelden und Walldorf beschrieben, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, gequält, vertrieben und umgebracht wurden. Einige töteten sich in ihrer Verzweiflung selbst. Anderen gelang früh genug die Flucht aus Deutschland und sie überlebten das Dritte Reich. An sie alle erinnern Stolpersteine, die Gunter Demnig an drei Terminen in den vergangenen Jahren vor den betreffenden Wohnhäusern verlegt hat: zehn mal zehn Zentimeter große Betonwürfel mit einer Messingplatte, auf der Namen und Lebensdaten stehen. 52 sind es mittlerweile, Ende Januar solle ein weiterer hinzukommen, kündigte Vorndran an.Kern der nun vorgelegten Dokumentation, die zum Preis von 8,50 Euro in den Stadtbüros und den Buchhandlungen Giebel erhältlich ist, ist die Darstellung der Wohnorte mit Fotos der Häuser und der verlegten Stolpersteine sowie der Lebensgeschichten. Die Recherche erledigten Vorndran und Katharina Stengel vom Frankfurter Fritz-Bauer-Institut. Ziel war, mehr über die Menschen in Erfahrungen zu bringen, deren Namen auf den Stolpersteinen prangen. Dabei sei ihm die konkrete Darstellung des Unrechts wichtig gewesen, das den Juden in Mörfelden-Walldorf widerfuhr, so Vorndran. Immer wieder geht es um Deportation und Vernichtung sowie um Ausplünderung. Zum Beispiel die Geschwister Reiß. Sie waren die einzigen Juden, die während des Nationalsozialismus in Walldorf lebten. Ihr landwirtschaftlicher Betrieb war für damalige Verhältnisse recht groß, heißt es in der Beschreibung. 1940 wurde der Besitz durch die Finanzverwaltung ,,sichergestellt”, sie durften ohne Genehmigung der Behörde nur noch über einen geringen monatlichen ,,Freibetrag” verfügen. Ab September 1941 mussten sie den Judenstern tragen. Eine Schwester starb bereits 1935 in Walldorf, die beiden anderen Geschwister, nach denen eine Straße im Walldorfer Neubaugebiet Plassage/Lange Äcker benannt ist, wurden im September 1942 ins Sammellager nach Darmstadt gebracht und von dort ins KZ Theresienstadt, wo sie bald darauf starben – vermutlich verhungerten sie.Auch Schülerarbeiten zum Thema und Vorträge, Geschichtsdaten, Informationen zu den Patenschaften (Bürger spendeten das Geld für die Verlegung der Stolpersteine), zu Veranstaltungen und zu Spuren jüdischen Lebens in und um Mörfelden-Walldorf bereichern das Buch, für das der Schriftsteller Peter Härtling – Unterstützer der Stolperstein-Aktion in der Stadt – ein Grußwort geschrieben hat.Rudi Hechler, der daran erinnerte, dass die DKP mit einem Parlamentsantrag den Anstoß für die Stolpersteine in Mörfelden-Walldorf gegeben hatte, äußerte sich froh darüber, dass dieses ,,Lesebuch, Lern- und Lehrbuch” entstanden ist. Es könnte auch Anregungen für andere Kommunen liefern. Denn ein wesentliches Ziel sei, Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus weiterzugeben. Für Mörfelden-Walldorf gebe es nun wichtige Informationen in schriftlicher Form. Dass die Stadt mit ihrer Art der Aufarbeitung von Geschichte Vorbild für andere sein könne, sprachen auch Hans-Jürgen Vorndran und Walter Ullrich an. Ullrich hegt die Hoffnung, dass nach und nach Gunter Demnig flächendeckend im Kreis Groß-Gerau Stolpersteine verlegen wird. In Büttelborn und Riedstadt werde bereits darüber diskutiert, so Vorndran. Der Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur habe durch seine beharrliche Arbeit über die Jahre eine Plattform für solche Projekte geschaffen.Das Buch ,,Steine gegen das Vergessen” erscheint in einer Auflage von 1000 Exemplaren und kostet mit Druck und Herstellung gut 10 000 Euro, gab Vorndran bekannt. Sponsoren übernähmen davon 5500 Euro. Auch die Stadt fördert laut Bürgermeister Heinz-Peter Becker die Publikation, indem sie einen Teil der Auflage übernommen habe.