\”Erste Stolpersteine in Mörfelden\”

Erste Stolpersteine für Mörfelden
Am 5. Juni verlegt Gunter Demnig Messingplatten, die an verschleppte und ermordete jüdische Mitbürger erinnern

Mehr als 3000 Juden wurden unter dem Hitler-Regime aus Hessen deportiert und in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet. Darunter waren auch ein Dutzend Bürger aus Mörfelden und Walldorf. Monica Kingreen vom Fritz-Bauer-Institut hat ihr Schicksal nachgezeichnet.


Mörfelden-Walldorf – Die systematische Verschleppung der Juden aus dem Volksstaat Hessen begann vor 65 Jahren. Aus 112 Dörfern und Städten wurden Männer, Frauen und Kinder auf Geheiß der Gestapo in Sammellager gebracht, eines davon war in der Darmstädter Liebig-Schule untergebracht. Dieses Lager war auch die erste Station der Mörfelder Juden auf ihrem Weg ins polnische Ghetto Pianski und weiter nach Sobibor, wo sie in den Gaskammern starben, berichtete Monica Kingreen am Sonntag bei einem Vortrag im Walldorfer Rathaus.

Der Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau hatte die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fritz-Bauer-Institutes eingeladen. Die Verlegung der ersten Messingplatten, so genannter Stolpersteine, zum Gedenken an die jüdischen NS-Opfer am 5. Juni in Mörfelden sollte damit vorbereitet werden.

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Schon seit März 1941 hätten alle Mörfelder Juden im Haus von Simon Schott in der Mittelgasse 9 zusammengelebt, berichtete Kingreen. Wie überall in Hessen litten sie Hunger, mussten zum Teil Zwangsarbeit leisten und sich auf Kenn- und Lebensmittelkarten sowie mit einem gelben Stern auf der linken Brustseite als Juden ausweisen.

Im März 1942 wurde das sogenannte “Judenhaus” in Mörfelden von der Gestapo geräumt. “Die Menschen mussten innerhalb von drei Stunden ihre Wohnungen verlassen”, berichtete Monica Kingreen.

Mitnehmen durften sie 50 Kilogramm Gepäck, Verpflegung für drei Tage und 50 Reichsmark, ihren Ehering und eine einfache Uhr. Um den Hals hatten sie sich ein Schild mit Namen, Geburtstag und Kennnummer zu hängen. Wer sich dem Befehl widersetzte, dem drohte Gestapo-Haft. Wie Geächtete seien die Juden zum Mörfelder Dalles getrieben worden. Antisemiten hätten sie beschimpft und mit Steinen beworfen, heißt es in einem Zeitzeugenbericht.

Nach stundenlangem Warten habe man die Menschen auf einem Lastwagen über Groß-Gerau nach Darmstadt gebracht. Der Mörfelder NS-Bürgermeister hatte schon Wochen zuvor auf die Räumung des Judenhauses gehofft. Er wolle die Räume für andere Familien nutzen, ließ er die Behörden wissen.

Für die Juden, die nach dieser ersten Deportation in Hessen geblieben waren, verschärften sich die Lebensbedingungen. Ihre Häuser wurden mit einem weißen Stern markiert, sie mussten ihre Haustiere abgeben und bekamen kaum Nahrungsmittel. Für denSeptember 1942 sei eine weitere, doppelt so große Deportation vorbereitet worden, berichtete Kingreen. Mehr als 3000 Menschen wurden von den Nationalsozialisten verschleppt, darunter auch die Geschwister Max und Sara Reiß aus Walldorf. Beide verhungerten später im Lager in Theresienstadt.

Ungeklärte Schicksale

Die Schicksale mancher Juden, die vor dem zweiten Weltkrieg in Mörfelden und Walldorf lebten, sind ungeklärt. Doch für alle von ihnen soll ein Stolperstein vor den Häusern, in denen sie wohnten, gelegt werden. Mörfelden-Walldorf ist die erste Kommune im Kreis Groß-Gerau, die sich der vom Kölner Künstler Gunter Demnig bundesweit initiierten Aktion anschließt.

Mit einer Kranzniederlegung am Gedenkstein für die ehemalige jüdische Synagoge in der Kalbsgasse werde die Verlegung der Stolpersteine am 5. Juni um 12 Uhr beginnen, berichtete Hans-Jürgen Vorndran vom Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur. Anschließend werden 15 Stolpersteine vor den Häusern Langgasse 40, Zwerggasse 2 und 3 und Hintergasse 18 im Bürgersteig eingelassen. Sie erinnern an Max, Hedwig, Gertrude und Ludwig Cohn, Elisabeth Stern, Regina und Julius Oppenheimer, Bertha von Bingen, Zerlinde, Rosa, Bertha und Minna Reiß, Klara Salomon sowie Henriette und Ilse Mainzer. Andrea Rost