Im Spiegel der Presse: Veranstaltung am 1. April

Mein jüdischer Nachbar

Mörfelden-Walldorf. Es ist mucksmäuschenstill, als Peter Härtling im Walldorfer Rathaus vor 80 Bürgern über „Erinnern an das Erinnern“ liest. Der Autor liest über einen jüdischen Nachbarn, dem es nach dem Zweiten Weltkrieg sehr schwer fällt, über das Vergangene zu reden. Der Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis hatte zur Info-Veranstaltung eingeladen, denn am 5. Juni sollen in Mörfelden die ersten Stolpersteine gesetzt werden, um an Nazi-Opfer zu erinnern.

„Diese Prosa ist mein Stolperstein“, erklärt Härtling. Er ist traurig, dass „unser Volk nie gut im Erinnern war, dies erzürnt mich“. Seine Empfindungen hat er in seinem Beitrag über einen Nachbarn veröffentlicht: „Er war ein Nachbar, wie es für uns keinen mehr geben wird.“ Der jüdische Freund flüchtete vor den Nazis nach Palästina, wo er in die dortigen Kämpfe involviert wurde. Er kehrte später nach Frankfurt zurück und ließ sich als Anwalt nieder. Der Anwalt lief dann in Frankfurt abwesend vor eine Straßenbahn und starb. Sein Grab ist auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt. „Ich widme meinen Stolperstein dem preußischen Juden Alexander Besser, Anwalt in Frankfurt und Journalist in Israel“, fasste Härtling seine bewegende Lesung zusammen. Der Autor wünscht sich, dass der Stolperstein vor Bessers Haus im Meisenweg verlegt wird.

Die DKP forderte bereits in einem Antrag vom Mai 2005 Stolpersteine gegen das Vergessen zu verlegen. Hans-Jürgen Vorndran, Vorstandsmitglied des Fördervereins für jüdische Geschichte hob hervor, dass Mörfelden-Walldorf seine Geschichte umfassend aufgearbeitet habe. Doch seien Stolpersteine besonders sinnvoll, um ans Dritte Reich zu erinnern. Die Stadt habe bereits dem letzten Vorsteher der jüdischen Gemeinde Mörfelden, Simon Schott (1870-1942), einen Gedenkstein gesetzt. Schott flüchtete in den Tod, als er erfuhr, dass die zehn letzten Juden der Gemeinde deportiert werden sollten.

Vorndran erinnerte, dass 1980 am KZ-Außenlager Walldorf ein Gedenkstein errichtet wurde. 1984 wurde der Gedenkstein in der Mörfelder Langgasse eingeweiht, an diesem Ort war von 1829 bis 1937 die Synagoge. 2000 wurde der historische Lehrpfad im Außenlager Walldorf eröffnet. Der ehemalige Erste Stadtrat ging aber auch auf die Kritik von Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates der Juden, ein. Sie finde es unerträglich, dass Menschen mit Stiefeln auf den Namen der Opfer herum trampelten. „Doch dann dürften wir auch den Petersdom mit seinen Grabstätten nicht betreten“, widersprach Vorndran.

Er verwies darauf, dass das seit 1993 bestehende Kunstprojekt des Kölner Künstlers Günter Demnig nicht nur bewegend, sondern erfolgreich sei. Bis März wurden 11 000 Stolpersteine in Deutschland verlegt. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, lautet Demnigs Maxime. Nach Angaben Vorndrans wurden zum 30. Januar 1933 insgesamt 56 Juden in Mörfelden und Walldorf festgestellt.

Die ersten Stolpersteine werden am Dienstag, 5. Juni, um 12 Uhr verlegt. Demnig wird in der Langgasse 40 in Mörfelden beginnen und dabei an Max und Hedwig Cohn, Elisabeth Stern sowie Gertrud und Ludwig Cohn erinnern. Am 5. Juni sollen auch Stolpersteine in der Zwerggasse 2 und 3 sowie in der Hintergasse 18 gesetzt werden. Ein zweiter Termin ist für November geplant. (dib)