Geschichte jüdischen Mörfelder und Walldorfer

Mörfelden-Walldorf (ohl). Zahlreiche Details über das Leben jüdischer Bürger während der Nazizeit lieferte der Vortrag zum Thema „Ausgrenzung, Ausplünderung und Vertreibung der Juden aus Mörfelden und Walldorf“. Katharina Stengel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fritz-Bauer-Institut, gab in ihrem Vortrag einen Überblick über die Geschichte der jüdischen Mörfelder und Walldorfer während der Nazi-Zeit. Der Förderverein Jüdische Kultur und Geschichte im Kreis Groß-Gerau und die Stadt Mörfelden-Walldorf, die Stengels Recherchen finanzieren, luden zu der Veranstaltung ins Walldorfer Rathaus

Zwar waren nicht alle Fakten neu, die Stengel ihren Zuhörern im vollbesetzten Sitzungssaal des Rathauses präsentierte. Vieles steht vielmehr auch schon in dem von Stadthistorikerin Cornelia Rühlig herausgegebenen Buch „Am Anfang war die Angst“. Doch es zeigte sich im Laufe des einstündigen Referats, dass durch das Stolpersteine-Projekt schon manches Neue zu Tage gefördert worden ist. Die Historikerin Stengel lieferte nicht nur zahllose Fakten zu den Familienschicksalen der Mörfelder und Walldorfer Juden. Sie räumte auch mit einem verbreiteten Vorurteil auf: Dass die Juden im roten Mörfelden – und auch Walldorf war ja von der Arbeiterbewegung geprägt, wie sie unterstrich – nur durch die rassistische Gesetzgebung der Nazi-Regierung zu leiden hatten und kaum durch die Bevölkerung selbst. Daher das Wort von der Ausgrenzung im Titel des Vortrages.

Zum Beispiel die Mörfelder Synagoge. Sie wurde in der Reichspogromnacht 1938 nicht zerstört. Das war in Mörfelden anders als in vielen deutschen Städten und Dörfern. Doch der jüdischen Gemeinde half das nichts. Sie verkaufte das Gebäude nur wenige Monate später an eine Konsumgenossenschaft, die Lagerfläche brauchte. Jugendliche Mörfelder hatten die Synagoge zuvor mehrmals mit Steinen beworfen, zerstörten die Fenster. Einnahmen für die Gemeindekasse, mit der die Synagoge hätte erhalten werden können, gab es faktisch nicht mehr. Viele Mitglieder der Gemeinde waren zu dieser Zeit bereits ins Ausland oder in die umliegenden Großstädte geflüchtet. Daran war nicht nur die Benachteiligung von oben schuld. Auch im Dorfleben wurden die jüdischen Nachbarn in einem schleichenden, aber von Katharina Stengel nachgewiesenen Prozess immer stärker ausgegrenzt. 1935 seien die jüdischen Sportler aus den Vereinen ausgeschlossen worden, referierte Stengel. Das sei damals noch nicht verordnet gewesen, also wohl die Entscheidung der gleichgeschalteten Vereine selbst und nicht der Nazi-Organe gewesen. Im selben Jahr erließ die Gemeindeverwaltung von Mörfelden ein Schwimmbadverbot für Juden, die Walldorfer Verwaltung verbot den Handel mit jüdischen Geschäftsleuten. „Das war besonders perfide, weil es in Walldorf ja gar keine jüdischen Geschäfte gab, bloß zwei alte Geschwister, die von einer kleinen Landwirtschaft lebten“, erklärte Stengel. Mitte der Dreißiger Jahre habe auch die körperliche Gewalt gegen Juden zugenommen. Der Mörfelder Kurt Weißhaupt sei mehrmals von Nazis zusammengeschlagen worden. Er zog aus dieser ständigen Bedrohung ähnliche Schlüsse, wie viele der gut fünfzig Mörfelder Juden. Er flüchtete ins Ausland oder in eine Großstadt, wo sich Fluchtvorbereitungen leichter unbemerkt treffen ließen als im damals nur 4500 Einwohner zählenden Mörfelden. Doch mit diesen Versuchen, der Ausgrenzung zu entkommen, begann die Ausplünderung. „Wem die Flucht glückte, der rettete meist nicht mehr als sein nacktes Leben“, erzählte Historikerin Stengel. Durch die Bezahlung für die vielen Dokumente, die sogenannte Reichsfluchtsteuer und Enteignungen kostete die Ausreise die Mörfelder Juden ihre letzten Ersparnisse. Schon Mitte der Dreißiger waren viele von ihnen bettelarm. Zwar sei nur der Steuerberater Albert Bernstein von den Berufsverboten betroffen gewesen. Doch seien Viele aus rassistischen Gründen entlassen worden. Die Geschäfte waren schnell pleite. Der Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933 habe zwar in Mörfelden keinen Niederschlag gefunden, berichtete Stengel. Doch anschließend setzte ein schleichender Boykott ein, niemand ging mehr in das Manufakturwaren-Geschäft von Hermann Neu oder zum Krämerladen der Familie Schott-Strauß, offene Rechnungen wurden einfach nicht bezahlt. Als die großen, „Arisierungen“ genannten, Enteignungen begannen, habe es bei den Mörfelder Juden schon nichts mehr zu holen gegeben. Natürlich gab es auch Versuche der nichtjüdischen Bürger, ein normales, solidarisches Zusammenleben mit den Ausgegrenzten weiterzuleben. Doch solche Versuche wurden von örtlichen Rassisten im Keim erstickt. Bürgermeister Heinz-Peter Becker erzählte zum Beispiel von seinem Großvater Peter Jourdan. Der habe gelegentlich den jüdischen Geschwistern Reiß sein Pferd überlassen. Doch ein Nachbar, ein fanatischer Nazi, habe ihn dafür immer wieder auf dem Rathaus angezeigt.

Von Nachbarn, die sich, wie Stengel zu Beginn ihres Vortrags betonte, nur durch die Religion von ihren christlichen Mitschülern, Vereinskameraden und Freundinnen unterschieden, waren die Juden in weniger als zehn Jahren zu verarmten und drangsalierten Aussätzigen geworden. 1942 seien die verbliebenen zwei Walldorfer und die zehn Mörfelder Juden nach Darmstadt verschleppt worden. Keiner der 1000 Südhessen, die von dort in die Konzentrationslager gebracht wurden, überlebte.