Im Spiegel der Presse: Veranstaltung am 1. April

Lebensgeschichten festhalten
„Stolpersteine“: Schriftsteller Peter Härtling erinnert bei Lesung an früheren Nachbarn und Juristen Alexander Besser – Hans-Jürgen Vorndran stellt nochmals Aktion vor
MÖRFELDEN-WALLDORF. Erinnern ist für den Schriftsteller Peter Härtling etwas Existenzielles. „Ich habe viele Erinnerungen aufgeschrieben“, erklärte er am Sonntagnachmittag im Walldorfer Rathaus. Eine davon komme aus Mörfelden-Walldorf. „Mein Stolperstein“ habe er im Zusammenhang seines Erinnerns und auch seines Zornes geschrieben, dass das deutsche Volk nie sehr gut im Erinnern gewesen sei. Eine Erinnerung müsse vor einem Denkmal, einem Mahnmal standhalten können.

Hans-Jürgen Vorndran vom Vorstand des Fördervereins jüdische Geschichte des Kreises Groß-Gerau hatte den in Walldorf lebenden Autor eingeladen, um gemeinsam auf die Aktion „Stolpersteine gegen das Vergessen“ aufmerksam zu machen. Wie berichtet sollen die ersten „Stolpersteine“ im Juni in Mörfelden durch den Künstler Gunter Demnig verlegt werden. Härtling hat nicht nur gemeinsam mit Vorndran zur Übernahme von Patenschaften für die „Stolpersteine“ aufgerufen, sondern auch gleich selbst eine übernommen.

Aufmerksame Stille senkte sich am Sonntag über den beinahe vollen Sitzungssaal des Walldorfer Rathauses, als Peter Härtling zu sprechen begann. Er erinnerte an „einen Nachbarn, einen Freund, einen Sozialhelfer, Seelsorger und Ersatzvater“, an den Juristen Alexander Besser. „Ich wünsche mir einen Stolperstein in der Gasse in der dieser Mensch lebte, einer der nicht verschleppt wurde, sondern floh und wieder zurückkam“, so Härtling.

Alexander Besser, der jüdischer Abstammung war, hatte rechtzeitig vor dem Nazi-Regime fliehen können, schlug sich in Israel durch und hörte, so Härtling, nicht auf „sich auf das Leben zu freuen“. „Hätte er nach all seinen Erfahrungen nicht die Menschen verachten und fürchten müssen, anstatt sie zu achten und zu lieben?“, fragte Härtling in den Raum hinein. Und dennoch habe auch Alexander Besser in seltenen Momenten erkennen lassen, dass er sich noch immer wie „David in der Löwengrube“ fühle.

Nach dem Vortrag Peter Härtlings stellte Hans-Jürgen Vorndran noch einmal ausführlich die Aktion „Stolpersteine gegen das Vergessen“ vor, erinnerte an die vorangegangene politische Diskussion, nachdem die DKP/LL-Fraktion die Idee im Stadtparlament eingebracht hatte. Wichtig sei es ihm in diesem Zusammenhang, so Vorndran, darauf aufmerksam zu machen, dass in Mörfelden-Walldorf die Geschichte bereits aufgearbeitet wurde, als andere Kommunen „noch nicht einmal daran dachten“. Vorndran erinnerte unter anderem an die verschiedenen Gedenksteine im Stadtgebiet und den historischen Lehrpfad des KZ-Außenlagers. Dennoch seien die Stolpersteine wichtig. Mit den Stolpersteinen direkt im Ort könne man wirkungsvoll dokumentieren, dass sich die grausamen Tatsachen der Nazi-Zeit nicht fernab jeglicher Zivilisation abspielten. Der regionalen Aufarbeitung komme eine besondere Bedeutung zu, da sie die Unmittelbarkeit der Ereignisse wieder gebe. Mit den „Stolpersteinen“ könne man an einst geschehenes Unrecht am authentischen Ort erinnern. Besonders wichtig sei hierbei ein begleitendes Schülerprojekt, das man gemeinsam mit den zwölften Klassen der Bertha-von-Suttner-Schule gestartet habe. Auf diese Art und Weise wolle man die Lebensgeschichten der Menschen ordnen und festhalten.

Insgesamt sollen 51 „Stolpersteine“ in der Doppelstadt verlegt werden, davon 48 in Mörfelden und drei Walldorf. Die zehn auf zehn Zentimeter großen Platten sollen an jüdische Mitbürger erinnern, die während der Zeit des Nationalsozialismus verschleppt und ermordet wurden. Sie werden vor den früheren Wohnhäusern in den Bürgersteig eingelassen. Die ersten „Stolpersteine“ werden am 5. Juni im alten Mörfelder Ortskern (Langgasse, Zwerggasse, Hintergasse) verlegt, weitere voraussichtlich im November. Ein Besucher der Veranstaltung fragte nach, warum „nur“ an jüdische Mitbürger erinnert werde und nicht auch an andere Menschen die wegen ihrer politischer Gesinnung oder aus anderen Gründen verschleppt worden seien. Vorndran verwies darauf, dass ein entsprechender Antrag der DKP bisher vom Stadtparlament abgelehnt worden sei.

Eine weitere Veranstaltung zur „Stolpersteine-Aktion“ ist für Sonntag, 6. Mai, um 16.30 Uhr im Walldorfer Rathaus statt. Monika Kingreen, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin des Frankfurter Fritz-Bauer-Institutes, wird über die „gewaltsame Verschleppung der Juden aus Mörfelden-Walldorf sowie den Dörfern und Städten des Volksstaates Hessen im Jahre 1942“ referieren.