Stolpern gegen das Vergessen

Mörfelden-Walldorf (ohl). Stolpern sollen Menschen, die bei einem Alltagsgang durch Mörfelden oder Walldorf auf einen von Gunter Demnigs Steinen treten. Natürlich nur symbolisch, erklärte Hans-Jürgen Vorndran den rund 70 Interessierten, die am Samstagmittag trotz strömenden Regens zur Verlegung von 26 weiteren Stolpersteinen gekommen waren. Den Stolpernden solle klar werden: „Die Verbrechen geschahen nicht nur im Osten.“ Die Gräueltaten der Nazis und ihrer Mitläufer seien auch Teil des Alltags der Deutschen gewesen. Das hat zum Beispiel die jüdische Mörfelderin Amalie Rosenthal zu spüren bekommen. Schon vor der Machtübertragung an die Nazis war die Familie Rosenthal bitterarm gewesen. 1933 verlor sie auch noch die Kriegerwitwenrente und Tochter Delphine, genannt Della, ihre Anstellung in Frankfurt wegen „Arisierung“ des Betriebs. Verarmt und verzweifelt ertränkte sich Amalie 1936 in der eigenen Jauchegrube. Für Amalie, Della und Rudolf Rosenthal gibt es jetzt Stolpersteine in der Brückenstraße. Wie vor jedem Haus, vor dem am Samstag Stolpersteine verlegt wurden, trug auch dort eine Schülerin der Bertha-von-Suttner-Schule die Geschichte der jüdischen Familie vor, die einst dort gelebt hatte.

Auch der jüdische Mörfelder Hausgeräte-Händler Simon Goldschmidt wurde Opfer des alltäglichen Terrors. Seine Scheune war das einzige Gebäude in Mörfelden, das in der Pogromnacht von 1938 angesteckt wurde. Heinz Hechler, Jahrgang 1928, berichtete während der Verlegung, wie sein Lehrer damals eine Art Klassenausflug zum Haus der Goldschmidts unternahm. Dort sah er, wie Simon Goldschmidt aus den verkohlten Überresten seiner Scheune eine Ziege hervorzog, die den Brand überlebt hatte. Das Ehepaar Goldschmidt wurde im März 1942 deportiert. Für sie verlegte Gunter Demnig nun zwei Steine in der Langgasse. Auch in der Mittelgasse, der Elisabethenstraße, der Weingartenstraße und in der Walldorfer Langstraße erinnern nun Stolpersteine an die Opfer, die so lange anonym gehalten wurden.

Der Künstler selbst ließ am Samstag andere reden. Er hob sich seine Rede für den Vortrag im Walldorfer Rathaus am Sonntag auf. In Arbeitsklamotten und von seinem breitkrempigen Hut vor dem strömenden Regen etwas geschützt, fügte er die mit messingplatten behauenen und von ihm selbst gravierten Steine in die von Bauhof-Arbeitern vorbereiteten Löcher. Während die Lebensgeschichten vorgelesen und die Patenschaftsurkunden überreicht wurden, klopfte er mit seinem Gummihammer die Steine fest und fügte den Mörtel. Gunter Demnig selbst sprach an diesem Tag nicht. Nur ein Zitat, vorgelesen von Hans-Jürgen Vorndran gab es von ihm: „Durch die Stolpersteine bekommt das Opfer seinen Namen zurück.“