\”Ich wohne in einem Judenhaus\”

Familie Stein in Büttelborn

Ich wohne in einem Judenhaus.

Als ich vor etwas mehr als drei Jahrzehnten hier einzog, sagte mir die damalige Besitzerin: „Das war ein Judenhaus. Und als sie ihn holten, lief er durch alle Zimmer vor ihnen weg, bis sie ihn hatten und mitnahmen.“

Ich wohne in einem Judenhaus?

Das ging mir nach. Wer wurde geholt, und vor allem, wer holte ihn? Es vergingen einige Jahre, bis sich eins zum anderen fügte. Schließlich hatten wir das große Glück, einen der geflohenen Söhne der früheren Bewohner, Alfred Stein, in seinem Geburtshaus begrüßen und bewirten zu dürfen. Wichtige Mosaiksteine komplettierten das Bild, das durch die Arbeiten von Angelika Schleindl und besonders die Auskünfte von Marie Beißwenger in den 1980er Jahren begonnen worden war. In der Folgezeit lichtete sich auch das Dunkel, das  über die Täter gebreitet war; darüber sprach man zuvor nicht. Auch in Büttelborn gilt: Diejenigen, die „den Juden holten“, waren überwiegend Büttelborner.

Wer aber war der Jude, „den sie holten“?

Das Haus Mainzer Str. 10 wurde im 19. Jahrhundert von Falk Oppenheimer erworben, der mit seiner Familie zuvor in der Schulstraße wohnhaft war. Man handelte mit Getreide- und Futtermitteln, später auch mit Textilien. Die Familie war angesehen in der Nachbarschaft, war mehrheitlich Mitglied des Turnvereins und nahm selbstverständlich am Gemeindeleben teil. Es war der Enkel Hermann Stein, „den sie mitnahmen“. Bereits 1934 musste er sein Handelsgeschäft aufgeben, 1935 flogen Pflastersteine ins Schlafzimmer, die Beziehungen zu den Nachbarn brachen ab. Seine Frau Lina, eine geborene David aus Alsbach, führte das Textilgeschäft noch bis 1938 weiter, „als sie ihn mitnahmen“, und mit Hermann Stein auch seine Ehefrau. Beide mussten nach Frankfurt ziehen, in die Hanauer Landstraße 50, wohl eine Sammelunterkunft für vertriebene Juden. Eine 1940 geplante Flucht nach Palästina scheiterte aus unbekannten Gründen, obwohl die Devisenstelle die Mitnahme des Umzugsgutes bereits genehmigt hatte. Schließlich wurde eine Strafverfahren gegen die Eheleute Stein eingeleitet, weil sie angeblich ihr Umzugsgut nicht vollständig deklariert hatten.

Vermutlich am 19. Juni 1942 wurden Hermann und Lina Stein im Zuge der großen Deportationsaktionen in Frankfurt „nach Osten“ deportiert, wo sie ermordet wurden.

Ihre Kinder versuchten später, ihr Schicksal aufzuklären. Doch ließ sich dies „trotz deutscher Gründlichkeit“, wie sich Alfred Stein ausdrückte, nicht rekonstruieren.

Die Eheleute Stein hatten drei Kinder, Ilse, Arthur und Alfred. Ilse gelang bereits 1934 die Flucht nach Palästina, Arthur konnte dank freundschaftlicher Verbindungen nach England fliehen.

Der Jüngste, Alfred Stein, besuchte nach der Volksschule die Realschule in Groß-Gerau, wurde aber nach vier Jahren „rausgeschmissen“. Er begann eine Gärtnerlehre bei der Firm Surma in Groß-Gerau, die er ebenfalls nicht beenden durfte, und besuchte dann die „Fortbildungsschule“ in Darmstadt. Im Gegensatz zu seinem Bruder und den meisten anderen jüdischen Bürgern war er nicht Mitglied im Turnverein, sondern im Arbeitersportverein im Volkshaus, der heutigen SKV. Mit 16 Jahren machte er sich auf nach Rüdnitz bei Berlin, ohne Gelegenheit zu haben, sich von Freunden oder Nachbarn, soweit sie überhaupt noch mit ihm verkehrten, zu verabschieden. In einem Lager dort wurde er auf das Leben in Palästina vorbereitet, wohin er 1936 schließlich fliehen konnte.

Er trat nach Kriegsbeginn in die britische Armee ein und kämpfte in Afrika, später in der Normandie, wo es auch zu einer Begegnung mit seinem Bruder Arthur kam, der ebenfalls britischer Soldat war. Alfred wurde schwer verwundet, war medizinisch bereits aufgegeben, überlebte aber. Später kämpfte er im Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten und erlebte aktiv den Sechstagekrieg. Sein Bruder Arthur nahm ebenfalls als Fallschirmjäger am Unabhängigkeitskrieg teil, kehrte aber später nach England zurück, wo er kinderlos um 1982 verstarb.

Alfred nannte sich in Israel Naftali, war verheiratet mit einer aus Berlin stammenden Jüdin, die er im Krieg in der britischen Armee kennen gelernt hatte. Das Ehepaar Stein hatte drei  Kinder und sieben Enkel.

Von seiner Schwester Ilse erzählte er, dass sie in Haifa lebte, um 1974 verstarb und zwei Söhne und fünf Enkel hinterließ.

Alfred besuchte mehrmals Büttelborn, zuletzt 1994 auf Einladung der Gemeinde, wo er in einer Feierstunde geehrt wurde. Vor Schülern der Martin-Buber-Schule und anlässlich eines öffentlichen Gesprächsabends  berichtete er über sein Schicksal. Jetzt kennen wir auch die Namen der Täter.

Am 26. Juli 2001 verstarb er. Viele uns belastende Einblicke in eine dunkle Zeit gab er, durch seine offene und freundliche Art hat er aber auch unserer Generation den Weg gewiesen, mit deutscher Vergangenheit umzugehen.

Deshalb: Ich wohne in einem Judenhaus, und das ist mir Verpflichtung, aber auch eine Chance, diese Vergangenheit lebendig in Erinnerung zu halten.

Büttelborn, 30. März 2011

Ulrich Trumpold