Heinz Ortweiler im Gespräch

Täter waren nicht mehr sichtbar

Geschichte: Heinz Ortweiler erinnert sich im Gespräch an plötzliche Anfeindungen und die Rückkehr nach Walldorf

WALLDORF.

Heinz Ortweiler, Sohn des Gerichtsrats Otto Ortweiler, an den seit Samstag ein Stolperstein in der Walldorfer Farmstraße erinnert, im Zeitzeugengespräch mit Pfarrer Arne Zick (links). Foto: Oliver Heil

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Heinz Ortweiler, Sohn des Gerichtsrats Otto Ortweiler, an den seit Samstag ein Stolperstein in der Walldorfer Farmstraße erinnert, im Zeitzeugengespräch mit Pfarrer Arne Zick (links). Foto: Oliver Heil

„Ich hatte als Einzelkind immer viele Freunde – bis 1938. Da änderte sich das. Wir waren plötzlich Aussätzige, da kannte uns in Walldorf auf einmal keiner mehr.“ Heinz Ortweiler kam ohne Umschweife auf den Punkt. Beim Zeitzeugen-Gespräch im evangelischen Gemeindezentrum bedurfte es nur weniger Sätze, bis ein Thema erreicht war, um das die meisten Menschen vor nicht allzu langer Zeit einen Bogen machten.
Im Gespräch mit Pfarrer Arne Zick verdeutlichte der Sohn von Otto Ortweiler, an den seit Samstag mit einem Stolperstein in der Farmstraße erinnert wird, dass er sich an Anfeindungen erinnert. Vor vielem hätten ihn seine Eltern bewahrt, aber die plötzliche Ausgrenzung sei ihm noch präsent. Als die Familie 1938 Walldorf verlassen musste, war Heinz Ortweiler neun Jahre alt.

Mein Vater war so wenig Jude wie alle Müller, Meier, Schmitz, wenn ich das so sagen darf, aber er war abgestempelt vom System.“ Denn, das hatten die Zuhörer schon am Vormittag bei der feierlichen Verlegung des Steins erfahren, Otto Ortweiler war nicht gläubig und hatte sich aus Liebe zu seiner evangelischen Frau vor der Hochzeit taufen lassen. Den Nazis war das gleich. „Es kam wohl von oben irgendwann der Befehl, jetzt müsse gehasst werden, und da haben die Walldorfer mitgehasst“, erzählte Heinz Ortweiler.
Mit der Mutter, einer Ärztin, zog er nach Oberschlesien. Dort gab es einen Freundeskreis, der in Opposition zum Hitler-Regime stand. Ob den Freunden bekannt war, dass sein inzwischen untergetauchter Vater von den Nazis als Jude betrachtet wurde, sagte Ortweiler nicht. „Wir hatten Glück. Die Praxis lief gut, weil es überall zu wenig Ärzte gab. Auch vom Krieg war nicht viel zu spüren.“ Doch dann mussten sie erneut weg. „Die Russen machten ja keinen Unterschied zwischen guten und schlechten Deutschen.“

Über eine Station in Thüringen kehrten Ortweilers, wieder vereint, nach Walldorf zurück. Da hätten sie erneut Glück gehabt, denn das Haus in der Farmstraße gehörte ihnen noch, der Vater konnte bald wieder als Richter arbeiten. „Da hatten wir es besser als die meisten Ostflüchtlinge“, erinnerte sich der 81 Jahre alte Heinz Ortweiler.
Von der Judenverfolgung habe seine Frau in Frankfurt viel mehr mitbekommen als er, sagte Ortweiler. Irene Ortweiler, die ihren Mann zur Stolperstein-Verlegung begleitet hatte, sprach von „verhuschten Gestalten mit diesem Judenstern“, die nicht in die Straßenbahn durften, nicht in Geschäfte und die auf offener Straße verprügelt wurden. An den Mythos von der Judenvernichtung, die keiner bemerkt hat, glaubt Irene Ortweiler nicht. „Ich war ja noch ein Kind, aber der Name Auschwitz war überall präsent.“ Nach dem Krieg aber nicht mehr, auch nicht bei Ortweilers.

Über die Kriegsjahre und die Diskriminierung sei nur selten gesprochen worden, berichtete Heinz Ortweiler. „Das war eben so, man musste damit fertig werden. Mein Vater hat es geschafft, im Gegensatz zu seiner Mutter, die in Würzburg abgeholt wurde.“ Im Freundeskreis unter Jugendlichen sei das Thema mit einem absoluten Tabu belegt gewesen. Er wisse aber, dass der Vater sein juristisches Wissen genutzt habe, um für Verwandte in den USA Entschädigungen einzufordern. Mit großer Vorsicht könne er sagen, dass es bald wieder ein normales Leben gewesen sei. Ob er die Jahre nach der Rückkehr nicht als Leben unter Tätern empfunden habe, wollte Pfarrer Zick wissen. „Die Täter“, antwortete Ortweiler, „naja, die waren ja gar nicht mehr so sichtbar.“