Rede zur Stolperstein-Verlegung am 21.05.2011

Tankred Bühler

Pfarrer und Dekan

Rede zur Stolperstein-Verlegung in der Farmstrasse 24 für Dr. Otto Ortweiler

am 21.05.2011, 11 Uhr

Sehr geehrter Herr Ortweiler, Herr Bürgermeister,

Herr Vorndran, sehr geehrte Damen und Herren,

vorgestellt hat mich freundlicherweise der Bürgermeister bereits, ich möchte Ihnen aber auch erklären, warum ich heute hier neben der Vorsitzenden des Kirchenvorstands, Frau Menzel, und ihrer Vorgängerin, Frau Seydel, für die Kirchengemeinde Walldorf sprechen darf: Pfarrerin Esther Häcker ist erkrankt und hat mich darum gebeten.

Ich habe gelesen: diese Verlegung eines „Stolpersteins“ ist für die Stadt Mörfelden-Walldorf in mehrfacher Hinsicht eine besondere. Zunächst ist heute nicht Gunter Demnig hier, der Vater dieser bewundernswerten Idee und Künstler, der sie auch unermüdlich umsetzt, sondern Herr Hoffmann, der heutige Hauseigentümer, der die Geschichte des Hauses Farmstrasse 24 recherchiert hat, wird diesen Stein selbst verlegen. Schließlich verlegen wir – erstmals in Walldorf – diesen Stein für einen getauften Juden, einen Christen also, dem dieses Christsein aber nichts genutzt hat, gegen Hass und Rassewahn seiner „arischen“ Nachbarn.

Und nicht zuletzt freuen wir uns, heute Herrn Heinz Ortweiler, den Sohn von Otto und Therese Ortweiler, und seine Frau Irenebegrüßen können. Beide stehen auch heute nachmittag noch für ein Gespräch im evangelischen Gemeindezentrum zur Verfügung, zu dem ich herzlich einlade.

Wenn wir uns heute daran erinnern, dass Otto Ortweiler Christ war – er hatte sich vermutlich aus Liebe zu seiner christlichen Frau, vor der Heirat evangelisch taufen lassen – dann müssen wir uns traurig und beschämt ebenso daran erinnern lassen, dass sich die beiden großen christlichen Kirchen in verbrecherischen Zeiten nicht mit Ruhm bekleckert haben. Fast zeitgleich wie in den Beamtengesetzen des Staates haben beispielsweise die evangelischen Kirchen den sogenannten „Arierparagraphen“ eingeführt und ehemals jüdische Pfarrer und Beamte aus dem Dienst entlassen. Daraus müssen wir wohl schließen: in jenen finsteren Jahren hätte auch der Jude Jesus von Nazareth keine Chance in Deutschland gehabt – weder beim Staat noch in der Kirche, die sich nach ihm benennt!

Beinahe noch schlimmer: auch nach dem Krieg wurde das Schicksal der Juden in den berühmten „Schuldbekenntnissen“ von Stuttgart und im Darmstädter Wort weitgehend ausgeblendet. Mitverfasser des Stuttgarter Bekenntnisses war übrigens kein geringerer als unser späterer Kirchenpräsident Martin Niemöller.

Nur ganz wenige Ausnahmen gab es: der spätere Theologieprofessor Helmut Gollwitzer predigte als Berliner Pfarrer am Sonntag nach der sogenannten „Reichskristallnacht“ in großer Offenheit über die Verbrechen an den jüdischen Nachbarn und Bürgern und Dietrich Bonhoeffer schrieb schon bald nach der Machtergreifung der Nazis (1934/35?) ebenso klar, wie weitsichtig: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen!“ D.h. nur wer sich für die Juden einsetzt, darf auch fromme Lieder singen. Sein Weg führte ihn auch konsequenter Weise in den politischen Widerstand. Nach längerer Gefangenschaft in Berlin wurde er am 9. April 1945 – vier Wochen vor Kriegsende – im KZ Flossenbürg zusammen mit Admiral Canaris und anderen Widerständlern gehenkt.

Ich wiederhole: das waren auch unter Christen leider seltene Ausnahmen. In weiten Kreisen der national eingestellten Kirche pflegte man ohne schlechtes Gewissen einen gutbürgerlichen Antisemitismus. Gott sei Dank, hat es aber auch diese Ausnahmen gegeben!

Auch deshalb ist es ungeheuer wichtig und unverzichtbar „Stolpersteine“ gegen das Vergessen zu verlegen! Hier in dieser Stadt verlegen wir heute wahrscheinlich den letzten.

Aber ich bin guter Hoffnung, dass wir nach Büttelborn bald auch in Groß-Gerau, nach dem die Kommunalwahl im März die Mehrheiten im Stadtparlament verändert hat, mit der Verlegung anfangen können.

Dort geht es um deutlich über 100 Steine!

Ich danke Ihnen