Das Ortweiler-Haus

Mörfelden-Walldorf (ohl). Eigentlich wollte Wolfgang Hoffmann bloß wissen, welche Jahreszahl er in die Wetterfahne gravieren sollte, die er auf das Dach seines Hauses in der Farmstraße 24 setzen wollte. Er wühlte sich einige Zeit durch Akten aus dem Groß-Gerauer Katasteramt, bis er die Antwort hatte. Eines aber hatte der pensionierte Flugkapitän anhand der amtlichen Schriftstücke sehr schnell verstanden: Einem der Vorbesitzer der kleinen Villa war vor vielen Jahren schreiendes Unrecht angetan worden.

In den ersten Tagen des Jahres 1930 kauften Otto Ortweiler und seine Frau Therese, geborene Mulch, das Haus. Die Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Villenkolonie in der Garten- und Farmstraße war ein Ausdruck der ersten Abwanderungsbewegung aus Frankfurt ins Grüne, in die Dörfer am Rande der Großstadt. So zogen auch Landgerichtsrat Dr. Otto Ortweiler und seine Frau Dr. med. Therese Ortweiler aus Frankfurt nach Walldorf. Die Villa in der damaligen Frankfurter Straße bauten sie um, damit Therese Ortweiler dort ihre Hausarzt-Praxis einrichten konnte. Otto Ortweiler fuhr jeden Morgen mit dem Zug ans Gericht nach Frankfurt.

Doch das hat Wolfgang Hoffmann alles erst im Laufe der Jahre erfahren. Zunächst erregte nur ein handschriftlicher Vermerk  im Grundbuch  seine Aufmerksamkeit. Am Rand der Spalte, in der festgehalten ist, dass Otto Ortweiler das Haus in der Farmstraße 24 auf seine Frau überschreibt, steht mit Ausrufezeichen das Wort „Jude“. „Kann sein, dass sich auf dem Amt in Groß-Gerau jemand absichern wollte, für den Fall, dass die Juden sogar noch rückwirkend enteignet werden“, sagt dazu Hans-Jürgen Vorndran. Der frühere Erste Stadtrat und Organisator der Verlegung von Stolpersteinen gegen das Vergessen war vor zwei Jahren durch einen Hinweis des inzwischen verstorbenen Karl Fahrbach auf Otto Ortweiler aufmerksam geworden.

Vorndran fand bald heraus, dass Ortweiler sich vor der Heirat hatte evangelisch taufen lassen und dass trotzdem schon im April 1933 die Hetze gegen die Familie Ortweiler begann. Die SA bezog Posten vor dem Anwesen. Sie brachte Anschläge an, auf denen zu lesen war: „Ein Volksgenosse meidet jüdische Ärzte“. 1935 wurde Otto Ortweiler zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Spätestens 1938 gingen die Rassehygieniker zum offenen Terror über. „Rassenschänderin Ortweiler“ hatte jemand an die Hauswand der gegenüberliegenden Villa Musshafen geschmiert. Wolfgang Hoffmann, der sich bald mit Vorndran zusammentat, erfuhr von damaligen Nachbarn, dass während der Novemberpogrome 1938 im Haus der Ortweilers mit Wackersteinen die Scheiben eingeworfen worden waren. Aus Angst um ihr Eigentum überschrieben Ortweilers daraufhin das Haus auf Therese. Aus Angst um ihr Leben flüchtete die Familie noch in der Pogromnacht zu den Eltern von Therese nach Frankfurt. Die Angst war begründet, in den folgenden Tagen kam es zu mehreren Hausdurchsuchungen. Hans-Jürgen Vorndran vermutet, in Zusammenhang mit der Verhaftungswelle, deren Opfer in Konzentrationslager deportiert wurden.

Nur wenige Wochen später zog Therese zu Verwandten nach Oberschlesien, wo sie eine Praxisvertretung übernahm. Otto Ortweiler überlebte den Holocaust vor allem, weil er im Besitz eines falschen Passes war. So erinnert sich sein Sohn Heinz, den Vorndran und Hoffmann im Dezember 2009 an seinem Wohnort Künzelsau besucht haben. Über sechs Jahre lang war Otto Ortweiler ständig auf der Flucht, übernachtete bei Freunden und in Hotels, überall in Deutschland und Österreich. Bis er 1944 wieder zu seiner Familie stoßen konnte, hatte er nur über Postkarten Kontakt gehalten, nur einmal habe er sich getraut, Frau und Sohn zu besuchen, erinnert sich Heinz Ortweiler, der bis 1938 in Walldorf die Volksschule besuchte.

Nach Kriegsende kehrte Otto Ortweiler schon 1945 zunächst alleine nach Walldorf zurück. Er wurde auf dem Rathaus vorstellig. Dort wird er wohl versucht haben herauszufinden, ob ihm sein Haus noch gehörte oder ob es in der Zwischenzeit arisiert worden war. Im Juni 1946 zog die Familie zurück nach Walldorf und Therese Ortweiler öffnete ihre Praxis wieder. Otto Ortweiler arbeitete in der 1. Wiedergutmachungskammer in Frankfurt und wurde später Gerichtsdirektor. Er starb 1958 an einem Herzinfarkt. Nach dem Tod von Therese 1981 kaufte das Ehepaar Hoffmann die Villa.

Was in der Zeit bis zu Otto Ortweilers Wiederkehr mit dem Haus in der Farmstraße passierte, das ist das letzte Rätsel, das Wolfgang Hoffmann noch lösen will. „Diese Lücke ist ein Stachel, das will ich noch wissen, weil ich über das Haus vielleicht eine Chronik schreiben will“, sagt der pensionierte Flugkapitän. Bekannt ist nur, dass Wilhelm Schlapp aus Sprendlingen die Praxis übernahm, aber schon Anfang 1941 in den Odenwald zwangsverpflichtet wurde.