Stolpersteinverlegung am 21.05.11

Mörfelden-Walldorf (ohl). Als der 53. und sehr wahrscheinlich letzte Stolperstein gegen das Vergessen in Mörfelden-Walldorf verlegt wird, ist Gunter Demnig nicht anwesend. Der Kölner Künstler, der dieses dezentrale, antifaschistische Kunstprojekt erfunden hat, der die golden glänzenden Steine alle selbst herstellt und ursprünglich auch alle selbst verlegen wollte, packt es einfach nicht mehr alleine. Er lässt sich inzwischen vertreten von Menschen, die sich jeweils vor Ort für die Stolpersteine engagieren.

Als am Samstagvormittag in der Farmstraße, gegenüber dem Supermarkt, der Stein zum Gedenken an Dr. Otto Ortweiler verlegt wurde, übernahm also der Walldorfer Wolfgang Hoffmann die Aufgabe, den Stein in den Bürgersteig zu klopfen. Hoffmann, der das Haus 1981 von Ortweilers Sohn Heinz gekauft hatte, übernahm die Patenschaft für den Stein und verlegte ihn selbst. Er tat das mit der auch für Gunter Demnig so typischen Akribie und Gelassenheit. Wie Demnig selbst beteiligte sich Hoffmann nicht durch Worte, sondern durch Taten. Während die anderen ihre Reden hielten, widmete er sich ganz der handwerklichen Seite dieser feierlichen Stunde. Im Blaumann kniete sich der Flugkapitän im Ruhestand vor seinem Hoftor hin und begann mit der Arbeit, während Annette Seydel und Angelika Menzel vom Kirchenvorstand die Lebensgeschichte von Otto Ortweiler verlasen. Zollstock, Kelle, Eimer voll Mörtel, alles war da und auf dem engen Raum untergebracht, den die vielen Zuschauer frei gelassen hatten. Während oben am Mikrofon gerade erzählt wurde, dass es schon im April 1933 zu ersten Belästigungen kam, entfernte Hoffmann den sandsteinroten Platzhalter aus dem Bürgersteig. Während Annette Seydel vom Berufsverbot berichtete, das den Richter ab Anfang 1935 arbeitslos machte, rührte Hoffmann noch einmal den Mörtel durch und vermaß den Stolperstein mit seinem Zollstock. Nun versuchte Hoffmann den Stolperstein für Dr. Otto Ortweiler in das kleine Loch im Boden einzupassen. Doch der Stein war zu hoch für die Vertiefung. Während Angelika Menzel von den eingeschmissenen Scheiben erzählte, die Ortweilers zum Wegzug nach dem Novemberpogrom von 1938 bewegten, kratzte Hoffmann noch etwas Erde aus dem Loch, um mehr Platz zu schaffen und versuchte es noch einmal. Wieder passt es nicht recht und während oben die Geschichte vom Untertauchen erzählt wird, vom Umherreisen mit falschem Pass, von den Postkarten mit denen die Familie Kontakt halten musste, versuchte Hoffmann es beharrlich ein drittes und viertes Mal. Als Seydel und Menzel schon bei der Heimkehr der Familie nach Walldorf angekommen sind und bei der geringen Entschädigung, die Ortweiler erst nach langem Prozessieren bekam, da war der Stolperstein endlich zu Hoffmanns Zufriedenheit eingepasst. Nur noch etwas Mörtel an den Seiten einbringen, während die Nachrufe verlesen wurden, die nach Ortweilers frühem Tod 1958 erschienen waren.

„Ich habe gelesen, dass diese Verlegung in mehrfacher Hinsicht eine besondere ist für Mörfelden-Walldorf“, begann Dekan Tankred Bühler seine Rede. „Zum einen ist es der erste Stolperstein hier, der nicht vom Künstler Gunter Demnig selbst verlegt wird. Und zum anderen ist es der erste Stein in Mörfelden-Walldorf, der für einen getauften Juden verlegt wird, einen Christen, dem sein Getauft sein aber nichts nutzte gegen seine arischen Nachbarn.“ Letzteres war auch der Grund, warum bei der Verlegung des Stolpersteines für Dr. Otto Ortweiler in der Farmstraße, dem 53. und aller Voraussicht nach letzten in Mörfelden-Walldorf, erstmals ein Vertreter der Kirche sprach. Weil hier an einen Christen erinnert werde, der doch von der Judenvernichtung bedroht war, sagte Bühler, sei das der richtige Moment, um beschämt daran zu erinnern, dass sich die beiden großen Kirchen in der Nazizeit nicht mit Ruhm bekleckert hätten.

Bürgermeister Heinz-Peter Becker sagte, niemals könne das Unrecht ungeschehen gemacht werden, doch die intensive Aufarbeitung der Nazizeit in Mörfelden-Walldorf mache ihm Mut, „dass braunes Gedankengut keine Chance mehr hat in unserer Gesellschaft.“

An eine dritte Besonderheit dieser Verlegung erinnerte Hans-Jürgen Vorndran. Der frühere Erste Stadtrat, der sich in den vergangenen Jahren um das Projekt Stolpersteine gekümmert hatte, sagte, auch wenn dieser Stein vermutlich der letzte für Mörfelden-Walldorf sei, müsse doch klar sein, dass das nicht das Ende des Erinnerns sein werde und sein dürfe. Vorndran dankte Wolfgang Hoffmann für dessen Nachforschungen und dafür, dass er den Kontakt zu Heinz Ortweiler vermittelt hat. Der 81-jährige Heinz Ortweiler war mit seiner Frau Irene aus dem baden-württembergischen Künzelsau nach Walldorf gekommen, um an der Verlegung teilzunehmen. Ortweiler dankte dann auch Hoffmann, „Er hat den Stein ins Rollen gebracht.“ Er könne nur hoffen, dass es nie wieder einen Stein des Anstoßes geben werde für solch schreckliche Verhältnisse. „Ausgeschlossen“, endete er nachdenklich, „ist es leider nicht.“