Kulturausschuß Stadt Gernsheim 10.05.2012

Vortrag unseres Vorstandsmitglieds Hans-Jürgen Vorndran vor dem Kulturausschuß des Stadtparlaments der Stadt Gernsheim am 10.05.2012 :

Zunächst möchte ich mich für die Einladung bedanken, dass ich heute Abend ein Projekt vorstellen darf, dass „Stolpersteine gegen das Vergessen in Gernsheim“heißen könnte.

Einen ersten Ansatz zu einem solchen Vorhaben gab bereits im Frühjahr 2008 als Altbürgermeister Rudolf Müller mir schriftlich mitgeteilte: „Ich möchte dies (die Stolpersteine) auch in Gernsheim aufgreifen.“ Nach einem intensiven Informationsgespräch waren uns allerdings darin einig, dass die Initiative hierzu von Gersheim selbst ausgehen und nicht von außen kommen sollte, um eine möglichst breite Unterstützung für das Projekt zu erreichen. Und daran habe ich mich gehalten. Denn das Erinnern an die schrecklichen Ereignisse des Nazi-Regimes ist ein durchaus schmerzhafter Prozess, der immer zu kontroversen Diskussionen führt.

Lassen Sie mich deshalb einige Vorbemerkungen zu unserer Erinnerungskultur machen. Nach vielen Jahren des Vergessens und Verdrängens haben die Kommunen und der Kreis Groß-Gerau begonnen, die Zeit des so genannten III. Reiches von 1933 bis 1945 aufzuarbeiten. Manche taten dies früher, andere folgten später. Den Opfern des Nationalsozialismus wurde oft auf den Friedhöfen abstrakt in Form von Gedenksteinen gedacht. Es folgten Gedenktafeln mit Namen an Orten wo einst jüdisches Leben war, meist im Zusammenhang mit den Standorten ehemaliger Synagogen. In den 80er Jahren erschienen dann die ersten Bücher über die begonnene Spurensuche nach den „verschwundenen Nachbarn“. So auch der bezeichnende Titel des Buches von Angelika Schleindl, das 1990 vom Kreisausschuss herausgegeben wurde und die vormaligen jüdischen Gemeinden und Synagogen im Kreis Groß-Gerau beschreibt. Das alles war eine verdienstvolle Aufarbeitung von Ortsgeschichte, die unsere volle Anerkennung verdient!

Gedacht wird zudem den Opfern beider Weltkriege, des Holocausts sowie von Flucht und Vertreibung am jährlich wiederkehrenden Volkstrauertag, meist auf den Friedhöfen. In den Reden werden die Abermillionen Toten beklagt und gemahnt, aus der Geschichte zu lernen. Zahlen in unvorstellbarer Höhe werden genannt, hinter denen sich unzählige Einzelschicksale verbergen, die so nicht sichtbar werden. Wer besucht diese Veranstaltungen noch? Mit der Abnahme der persönlichen Betroffenheit werden es jedes Jahr immer weniger Teilnehmer!

In einigen Kommunen finden regelmäßig zum 9. November, der so genannten Reichspogromnacht, Gedenkveranstaltungen für die jüdischen Opfer statt. Reicht dies aus, die Geschichte der schrecklichen Nazi-Verbrechen zu erinnern? Erreichen wir mit diesen zentralen Gedenkorten und –veranstaltungen die nachfolgenden Generationen? Damit ich nicht falsch verstanden werde, ich halte diese, wenn auch ritualisierten Veranstaltungen für wichtig und unverzichtbar, weil über sie in den Medien berichtet wird.

Wir müssen die Erinnerung an die im Namen der Deutschen begangenen Nazi-Verbrechen als Mahnung lebendig halten. Denn in unserem Lande gibt es nach wie vor Rassismus, Antisemitismus und Rechtsradikalismus. Die Ausgrenzung von Behinderten und Ausländern findet verbal, ja sogar immer wieder mit tätlichen Übergriffen statt. Hier ist eine Erziehung zu Toleranz und Achtung der Menschenrechte geboten. So kann auch die größer werdende Gruppe der jungen Menschen erreicht werden, die sich nicht der deutschen Geschichte verpflichtet fühlt.

Bei der Wissensvermittlung kommt der Schule eine wichtige Aufgabe zu. Aber Geschichte muss erlebbar sein und die jungen Menschen müssen emotional angesprochen werden, sonst bleibt alles abstrakt und „uncool“. Wie ich aus eigenem Erleben in Mörfelden-Walldorf erfahren habe, sind die „Stolpersteine“ hierfür besonders geeignet. So haben Schüler/innen der Bertha-von-Suttner-Schule mit ihrem Taschengeld Patenschaften für „Stolpersteine“ und damit Verantwortung – nicht Schuld – für die Ortsgeschichte übernommen. Aus Zahlen wurden Namen und mit ihnen entstanden Lebensgeschichten von Menschen, die in der Nazi-Zeit ausgegrenzt, ausgeplündert, vertrieben und  letztlich deportiert und ermordet wurden. Bei ihren Spurensuchen entwickelten die Schüler/innen ein starkes Mitgefühl. Sie beteiligten sich aktiv an den öffentlichen Gedenk- und Vortragsveranstaltungen. So wurden drei Schülerarbeiten präsentiert, die breite Anerkennung fanden und Auszeichnungen erhielten. Eine davon sogar als Besondere Lernleistung im Abitur mit dem Thema „Schule im III. Reich“; natürlich mit örtlichem Bezug. Ich habe die Arbeiten mitgebracht – machen Sie sich selbst ein Bild.

Was sind nun die „Stolpersteine“? Sicher sind Sie alle schon dem Kunstprojekts des Kölner Bildhauers Gunter Demnig begegnet, wenn sie in Berlin, Frankfurt oder auch im Kreis Groß-Gerau unterwegs waren. Sie sind eher unscheinbar. Auf den 10 mal 10 Zentimeter großen Pflastersteinen ist eine Messingplatte angebracht, in die die Lebensdaten der Opfer eingeschlagen werden: Name, Jahrgang, Schicksal. Das heißt, jeder Mensch erhält seinen persönlichen Stein. Denn Demnig sagt gemäß der jüdischen Tradition: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Die Steine werden plan eben – man stolpert mit dem Kopf bzw. mit dem Herzen – in den Bürgersteig vor den ehemaligen Wohnhäusern verlegt. Entscheidend für den Standort ist der letzte frei gewählte Wohnsitz des Opfers zum 31.01.1933.

Die Verlegung der „Stolpersteine“ erfolgt im Bürgersteig und somit im öffentlichen Raum und dieser ist einer Entscheidung des anliegenden Hauseigentümers entzogen; die Festlegung, was dort geschehen soll, obliegt ausschließlich den städtischen Gremien. Sollte den Hauseigentümern ein Zustimmungsrecht eingeräumt werden, würde zweierlei Recht entstehen und damit eine Ungleichbehandlung der Opfer erfolgen, was nicht gewollt sein kann!

Wichtig für das Projekt „Stolpersteine“ ist auch die Art seiner Finanzierung. Jeder Stein wird von Gunter Demnig grundsätzlich selbst verlegt und kostet 120 €. Die Finanzierung erfolgt ausschließlich durch die Übernahme von Patenschaften durch Personen oder Organisationen, also nicht durch die öffentliche Hand. Dadurch werden die „Stolpersteine“  zu einem Geschenk der Bürger/innen an ihre Stadt

Mit den „Stolpersteinen“ will Gunter Demnig an alle Opfer des Nazi-Regimes erinnern. Eben nicht nur an die Vernichtung von sechs Millionen europäischer Juden – Hessen hat derzeit rd. sechs Millionen Einwohner, nur um ein Gefühl für die Zahl zu bekommen -, sondern auch an alle anderen Minderheiten, die dem Wahn der Nazis zum Opfer fielen. Eben die Sinti und Roma, die politisch Verfolgten, die Homosexuellen, die Zeugen Jehovas und die Euthanasieopfer, die wir gerade im Kreis Groß-Gerau im Zusammenhang mit dem Philippshospital zu beklagen haben. Und wenn ich die Schülerarbeit „Gernsheim damals“ richtig in Erinnerung habe, so wurden hier mehrere widerständische katholische Geistliche von der Gestapo verhaftet und in die KZs von Dachau und Buchenwald verschleppt. Auch diese Schicksale sind es wert, namentlich erinnert zu werden.

Ich halte die mit den „Stolpersteinen“ verbundene Erinnerungsarbeit für besonders geeignet, gerade weil sie nicht in Museen oder zentralen Gedenkstätten stattfindet, die selten oder nie besucht werden, sondern vor Ort, vor den Wohnhäusern in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Also an den authentischen Orten, wo die Opfer oft über Generationen wohnten. Bis aus Nachbarn Juden wurden. Dies ist auch deshalb so wichtig, weil die letzten Zeugen dieses einmaligen, schrecklichen Menschheitsverbrechens der Nazis allmählich verstummen. Und wenn die Menschen schweigen, müssen die Steine sprechen.

Ich bin der zudem Auffassung, dass die „Stolpersteine“ eine besonders sinnvolle Form des Gedenkens an die Opfer des Naziregimes sind, die damit ihren Namen und ihre Identität zurück erhalten. Wie dargestellt, sorgt die damit verbundene Erinnerungsarbeit dafür, dass Geschichte lebendig bleibt. Und durch die Stolpersteine wird aufgezeigt, dass die Verbrechen nicht irgendwo „im Osten des Reichs“ stattfanden, sondern in unserer unmittelbaren Nähe vor Ort. Gerade diese Erinnerung an begangenem Unrecht schmerzt besonders und ruft die bekannten Abwehrreaktionen hervor. Dies führt zwangsläufig zu kontroversen Diskussionen, die ausgetragen werden müssen. Auch das ist ein Teil des Gedenkprojekts Gunter Demnigs.

Das Stolperstein-Projekt hat in Deutschland, ja in Europa inzwischen breite Zustimmung gefunden. Die beeindruckenden Zahlen können Sie unter www.stolpersteine.comnachlesen. Dort finden Sie auch viele weitere Einzelheiten zur Durchführung des Projekts. Doch heute geht es um die grundsätzliche Entscheidung: ja oder nein.

Inzwischen hat sich der Zentralrat der Juden in Deutschland mit dem Präsidenten Dr. Dieter Graumann eindeutig für die Stolpersteine ausgesprochen, nachdem Charlotte Knobloch die vormalige Präsidentin noch eine ablehnende Haltung eingenommen hatte. Das mir vorliegende Schreiben vom 30.05.2011 verlese ich gerne.

Die Unterstützung für das Stolperstein-Projekt hat auch im Kreis Groß-Gerau eine breite gesellschaftliche Basis. So hat zum Beispiel Norbert Blüm in Rüsselsheim die Patenschaft für seine ehemalige jüdische Nachbarin Fanny Lang in der Bahnhofstraße 41 übernommen und bei der Verlegung des Stolpersteines am 2.10.2008 für sie eine bewegende Rede gehalten. In Mörfelden-Walldorf war es der allseits geschätzte Schriftsteller Peter Härtling, der die Patenschaft für die Jüdin Minna Reiß aus der Zwerggasse 3 übernommen hat. Inzwischen liegen auch Erinnerungssteine in Büttelborn und Raunheim.

Die Ausgangslage für eine Umsetzung des Projekts „Stolpersteine“ in Gernsheim ist meines Erachtens günstig. Es gibt die Vorarbeiten von Angelika Schleindl in ihrer Recherche „Verschwundene Nachbarn“ und den Verein „Memor Gernsheim“, der in den letzten Jahren gezeigt hat, dass er an einer nachhaltigen Erinnerungsarbeit interessiert ist und dem die Aufgabe „Realisierung des Vorhabens“ übertragen werden kann. Ferner kann ich die Unterstützung des FV Jüd. Geschichte und Kultur im Krs. GG zusagen, so sie gewünscht wird.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, jede Gemeinde entscheidet selbstverständlich für sich selbst, wie sie Erinnerungsarbeit leisten will. Da gibt es keinen Königsweg, aber ich sehe in den „Stolpersteinen“ viele positive Aspekte.

Danke für die Aufmerksamkeit. Natürlich stehe ich für Fragen, jetzt oder zu einem späteren Zeitpunkt zur Verfügung.

10.05.2012 hjv