Für jedes Opfer ein Stein

Kommunalpolitik – Stockstädter Ausschussrunde lässt sich über das Gedenk-Projekt „Stolpersteine“ informieren

STOCKSTADT.


In einigen Kommunen im Kreis Groß-Gerau, darunter in Mörfelden-Walldorf, sei das Stolpersteine-Projekt mittlerweile abgeschlossen. In Gernsheim werde im Juni der erste Stein gegen das Vergessen verlegt. Und Riedstadt – auch dort hat das Stadtparlament den Grundsatzbeschluss zur Stolpersteine-Verlegung gefasst – sei ebenfalls auf einem guten Weg. Dies berichtete der Vorsitzende des Fördervereins Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau (FJGK), Walter Ullrich, im Stockstädter Rathaus.

Dort ließ sich der Jugend-, Sozial-, Sport- und Kulturausschuss von FJGK-Vorstandsmitgliedern über das Stolpersteine-Projekt informieren, um eine Grundlage für den nun folgenden Entscheidungsprozess zu bekommen. Sollen also auch in Stockstadt zehn Kubikzentimeter große Betonsteine mit auf einer Messingplatte eingravierten Lebensdaten von Naziopfern in den Bürgersteig eingelassen werden – vor dem jeweils letzten frei gewählten Wohnsitz, in denen Menschen vor ihrer Verschleppung durch die Nationalsozialisten wohnten?

Zu dieser Frage erwartet Bürgermeister Thomas Raschel (CDU) kontroverse Diskussionen in den politischen Gremien der Gemeinde. Und das würde Ullrich begrüßen, gehe es bei dem Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig doch um die Auseinandersetzung damit, was Deutsche ihren Mitmenschen zur Zeit des NS-Regimes angetan haben. Etwa weil sie Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle oder Behinderte waren. Diese Erinnerungsarbeit sei schmerzlich, insbesondere weil diese Verbrechen in der Nachbarschaft geschehen seien. Ullrich fände es deshalb fatal, wenn die Stockstädter Parlamentarier dem Projekt mit Hurra zustimmen würden: „Das hätte fast etwas von Gleichgültigkeit.“

Reiner Kiesel (SPD) sprach sich für die Stolpersteine aus, in denen er ein geeignetes Instrument des Opfergedenkens und der Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Hitler-Schergen sieht: Die Steine „sollen für uns ein Mahnmal sein, dass so etwas nie wieder geschieht“.

Wie Ulf Kluck vom FJGK ausführte, hatte Stockstadt eine relativ kleine jüdische Gemeinde, bestehend im Wesentlichen aus den Familien Westerfeld, Kahn und Gutjahr. Die Hinterbliebenen und Nachkommen der Westerfelds hätten sich in Briefwechseln ausdrücklich zustimmend zu den Stolpersteinen geäußert. Die Geschichte dieser Familie sei gut bekannt, auch weil sich die Enkelin Fern Schumer Chapman literarisch damit beschäftigt habe. Im Buch „Mutterland… nach dem Holocaust“ schildert die US-Amerikanerin eine Reise ihrer Mutter: Edith Schumer geborene Westerfeld kehrte im Oktober 1990 zurück an den Ort, wo sie geboren wurde – Stockstadt. 1938 war Edith Westerfeld zwölfjährig von ihren Eltern kurz vor deren Ermordung durch die Nazis zu Verwandten nach Amerika geschickt worden.

Hans-Jürgen Vorndran (FJGK), der sich seit 2005 mit dem Thema Stolpersteine in Mörfelden-Walldorf und im Kreis Groß-Gerau beschäftigt, wies auf einen in Deutschland nach wie vor vorhandenen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsradikalismus hin. Mitbürger anderer Nationen, aber auch behinderte Menschen würden ausgegrenzt, sei es verbal oder durch tätliche Übergriffe. „Hier ist eine Erziehung zu Toleranz und Achtung der Menschenrechte geboten“, sagte Vorndran. So könnten auch – insbesondere junge – Menschen mit Migrationshintergrund erreicht werden, die sich nicht der deutschen Geschichte verpflichtet fühlten.

Bei der Wissensvermittlung komme vor allem der Schule eine wichtige Rolle zu. „Aber Geschichte muss erlebbar sein, und die jungen Menschen müssen emotional angesprochen werden“, sagte Vorndran: „Sonst bleibt alles abstrakt.“ Wie er aus eigenem Erleben in Mörfelden-Walldorf erfahren habe, seien die Stolpersteine dafür besonders gut geeignet, weil sie an Einzelschicksale erinnerten. Beispielsweise hätten Schüler der Bertha-von-Suttner-Schule mit ihrem Taschengeld Patenschaften für die Finanzierung von Stolpersteinen übernommen.

19. April 2013  | dirk

„Aus Zahlen wurden Namen“

STOCKSTADT.


Die Stolpersteine, so Hans-Jürgen Vorndran vom Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau, seien eher unscheinbare Pflastersteine. Auf ihnen stehe aber der Name jedes einzelnen während der Hitler-Diktatur verschwundenen Nachbarn. Der Initiator dieses mittlerweile über die deutschen Grenzen hinaus anerkannten Projekts, der Kölner Künstler Gunter Demnig, sage gemäß der jüdischen Tradition: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

Mehr als 50 dieser Betonquader sind in Mörfelden-Walldorf verlegt worden. „Aus Zahlen wurden Namen“, so Vorndran, „und mit ihnen entstanden Lebensgeschichten von Menschen, die in der Nazizeit ausgegrenzt, ausgeplündert, vertrieben und letztlich deportiert und ermordet wurden“. Die Schüler hätten sich auch aktiv an öffentlichen Gedenk- und Vortragsveranstaltungen beteiligt.

Die Stolpersteine, ausschließlich finanziert durch Spenden und Patenschaften, werden von Gunter Demnig selbst verlegt und kosten 120 Euro. Die Quader werden in den Bürgersteig eingelassen. Weil es sich um öffentlichen Raum handele, obliege die Entscheidung darüber allein dem Gemeindeparlament und nicht dem Hausbesitzer, so Vorndran abschließend.