2.+3. Stolpersteinverlegung

Neun Stolpersteine für drei Familien

Gedenken – Bei einer Feierstunde soll an die jüdischen Familien Marx, Kaufmann und Rosenthal erinnert werden

In diesem Haus in der Darmstädter Straße 43 soll die Familie Rosenthal gelebt haben. Foto: Wulf-Ingo Gilbert
Für drei jüdische Familien, die von den Nazis vertrieben und zum Teil umgebracht wurden, werden am Dienstagvormittag Am Sandböhl und in der Darmstädter Straße Stolpersteine gegen das Vergessen verlegt.

GROSS-GERAU.

Am Dienstag (27.) um 11 Uhr werden in der Groß-Gerauer Innenstadt um zweiten Mal Stolpersteine gegen das Vergessen verlegt. Vor dem Haus Am Sandböhl 8 und danach in der Darmstädter Straße 43 setzt der Kölner Künstler Gunter Demnig die zehn Zentimeter großen Betonwürfel mit der Messingplatte, auf der Namen und Daten der Opfer verewigt sind, in den Bürgersteig ein.

Die Gedenkveranstaltung für die in den beider Häusern lebenden Familien, bei der auch Vertreter des Evangelischen Dekanats, der Stadt und des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau sprechen, ist vor dem Anwesen Am Sandböhl 8, wo Demnig sechs Steine verlegen wird. Jürgen Ziegler und Hans-Georg Vorndran erinnern bei der Feier an das Leben der dort wohnenden Familien Marx und Kaufmann sowie an das Schicksal der Familie Rosenthal, die in der Darmstädter Straße 43 lebte. Den Paten der Stolpersteine wird anschließend eine Urkunde überreicht. Einer von ihnen ist Hans-Walter Kohl, dessen Eltern eng mit der Familie Rosenthal verbunden waren. Er wird in einer Rede von deren Leben und Flucht erzählen.

Am Sandböhl 8, dem heutigen Reformhaus, lebte die alteingesessene Familie Marx. Michael Marx war Mitinhaber des Getreide- und Futtermittelgeschäfts „Marx Marx“. Seine Frau Emilie war 1924 gestorben, ihr Grab befindet sich auf dem Groß-Gerauer jüdischen Friedhof. Während Sohn Martin 1936 die Flucht ins amerikanische Exil gelang, wurden Vater Michael, Tochter Hedwig und die Haushälterin Johanna Kossmann in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt und ermordet.

Auch die Eheleute Albert und Hedwig Kaufmann, die seit 1938 mit im Haus Am Sandböhl 8 lebten, wurden durch die Nationalsozialisten deportiert und ermordet. Ihre Kindheitserinnerungen hat die Jüdin Renate Rosenthal, die mit ihren Eltern Lina und Sally in der Darmstädter Straße 43 wohnte, in einem Buch veröffentlicht. Die Nationalsozialisten boykottierten ihre Metzgerei, und die Familie musste aus Deutschland flüchten: „Eines Tages beobachtete ich vom Fenster aus, wie ein SS-Mann mit einem Gewehr über der Schulter vor unserem Geschäft auf und ab ging. Ich lief in den Laden hinunter und sah, dass er leer war. Ich fragte meinen Vater, was los sei, und er antwortete ,Du kannst das nicht verstehen, mein Kind, aber wir werden boykottiert‘.“

Heute lebt die Siebenundachtzigjährige in New Jersey und freut sich, dass vor ihrem ehemaligen Elternhaus in der Darmstädter Straße 43 mit drei Stolpersteinen an das Schicksal ihrer Familie erinnert wird.

Internet Mehr zu den ehemaligen jüdischen Wohn- und Geschäftshäusern in Groß-Gerau und deren Bewohnern gibt es im Internet auf www.erinnerung.org.