Erste Verlegung in Gernsheim

Gedenken – In Gernsheim erinnern jetzt Stolpersteine an die jüdische Familie Schiefer und Kapuzinerpater Dionys

Drei Stolpersteine für die einst in der Schmiedgasse wohnende jüdische Familie Schiefer verlegte Künstler Gunter Demnig am Montagnachmittag in Gernsheim. Foto: Robert Heiler
In anrührenden Feiern verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig die ersten vier einer Reihe von Stolpersteinen in Gernsheim.

GERNSHEIM.

„Wer lesen will, was auf den Steinen steht, muss sich vor den Opfern verbeugen, beim Darüberlaufen wird das Gedenken aufpoliert.“ Mit diesen Worten suchte Gunter Demnig jene zu entkräften, die Stolpersteine deswegen ablehnen, weil damit die Ermordeten erneut getreten würden. Der Kölner Künstler verlegte am Montagnachmittag in der Schöfferstadt die ersten vier Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus.

Vor gut 90 Zuhörern sagte der Künstler, dass er keine Routine empfinde, „weil es immer andere Schicksale sind“. Gernsheim sei die 867. Kommune in Deutschland, die an diesem Kunstprojekt teilnehme, 1000 Orte sind es in 14 Ländern. Den vierzigtausendsten Stein wird er bald in den Niederlanden legen, dann weitere in Russland, der Schweiz „und endlich auch in Frankreich“. Demnig zeigte sich überzeugt, dass die sechs Millionen ermordeten Juden für Schüler zunächst eine abstrakte Größe seien. „Mit den Stolpersteinen wird das ganze Ausmaß greifbar.“

So sieht das auch Annette Petri vom Gymnasium Gernsheim, das die Patenschaft für den Stein für Rosa Schiefer übernommen hat. Neben der Familie hätten auch Schüler und Lehrer einen Ort erhalten, der zusammenführe, Spuren sichtbar mache, herausfordere und einlade. Damit werde die Zeit des Nationalsozialismus „nicht zu einer beliebigen Epoche“. Die Schulgemeinde werde herausgefordert, jeder Art der Diskriminierung, des Ausschließens und der Gewalt zu begegnen.

Die vollständige Vernichtung der Juden in Deutschland und Europa sei das Ziel der Nationalsozialisten gewesen, hatte Bürgermeister Peter Burger (CDU) zu Beginn der Veranstaltung gesagt: „Man beraubte sie ihrer Freiheit. Man beraubte sie ihres Namens und machte sie zu Nummern. Man beraubte sie ihrer Würde. Und am Ende nahm man ihnen das Leben.“ Diese Vernichtung habe den Opfern die Existenz vollständig nehmen sollen, „als hätte es diese Menschen in unserer Mitte nie gegeben“.

Die Vernichtung vollende sich im Vergessen. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand stehe man in dieser Gefahr. „Unsere historische Aufgabe besteht darin, uns der Opfer zu erinnern und so dem letzten Werk der Vernichtung, dem Vergessen, entgegenzutreten.“ Der Bürgermeister dankte der Projektgruppe, mit deren Arbeit die Stolpersteinverlegung möglich geworden sei: Marianne Walz, Hans-Josef Becker (Verein Memor), Walter Ullrich (Förderverein für Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau), Stadtarchivar Hans-Herbert Hertling und Hildegard Bolenz (Stadtverwaltung).

Stadtverordnetenvorsteher Manfred Schmitt, der gemeinsam mit Burger Pate des Steines für Richard Schiefer ist, forderte dazu auf, über die Steine „mit unseren Herzen und mit unserem Verstand zu stolpern“. Es sei wichtig, die Opfer mit Namen zu kennen und sie beim Namen zu nennen, „um das Unbegreifliche, das ihnen angetan wurde, auch nur im Ansatz zu erahnen“.

Dass „Jude“ als Schimpfwort an Schulen und Universitäten zu hören sei, ist für Jan Deboy eine Motivation, Pate für den Stein zum Gedenken an Jakob Schiefer zu sein. Die Steine verknüpften das Vergangene mit dem Heute. Sie seien so Zeichen gegen das Verdrängen und Vergessen „auch in den Köpfen meiner Generation“, sagte er.

Anrührende Texte trug der jüdische Liedermacher Dany Bober mit den zwei Psalmen vor. Zum Abschluss der Verlegung in der Schmiedgasse intonierte er in deutscher und hebräischer Sprache das Kaddisch (jüdisches Totengebet): „Ihnen sei Fülle des Friedens, Gunst, Gnade, Erbarmen.“

Zum zweiten Teil der Gedenkfeier an der Gnadenkapelle Maria Einsiedel waren weitere Menschen hinzu gekommen. Dort begleiteten Sigrid Fell und Eva Pfundt sowie ein Ensemble des Gymnasiums mit Jan Henneberger, Andreas Krasusky, Pascal Moor und Jascha Reinig musikalisch.

Altbürgermeister Rudi Müller hat auch aus Dankbarkeit die Patenschaft für den Stolperstein für Pater Dionys (Heinrich Zöhren) übernommen: „Ich hatte das Glück, 1948 in Gernsheim zur Welt zu kommen, an einem Ort, in einem Land, in dem ununterbrochen Frieden herrscht. Ich konnte mein Leben selbst und frei gestalten.“

Als Sechzehnjähriger habe er miterlebt, wie der Stadtarchivar die Geschichte jüdischer Familien in Gernsheim mosaiksteinmäßig zusammengetragen habe, aber für ihn sei es „Archivarbeit“ gewesen. Erst nach und nach habe er begriffen und zu verstehen versucht, was da geschehen sei. Ilaria Gallo und Isabel Müller, Schülerinnen des Gymnasiums, ließen Pater Dionys selbst zu Wort kommen: Sie lasen aus Briefen auch aus dem KZ Dachau vor.