15.11.2014: Verlegung in Stockstadt/Rh.

Aus Nachbarn wurden Geächtete

Erinnerung – Erstmals werden in Stockstadt Stolpersteine zur Erinnerung an zwei jüdische Familien verlegt

Eine weiße Rose legte Edith Westerfeld-Schumer an den für ihre Familie in der Vorderstraße verlegten Stolpersteinen nieder. Hinter ihr Jürgen Flügge, links daneben mit Block Fern Schumer-Chapman.  Foto: Robert Heiler
Ein großer Moment für die Erinnerungskultur in Stockstadt: Am Samstag wurden Stolpersteine für die einstigen jüdischen Mitbürger verlegt. Angehörige der Familie Westerfeld waren zu der Gedenkfeier angereist.

STOCKSTADT.

Schuld und Versöhnung, Freude und auch Bitterkeit: Große Gefühle prägten am Samstag die Verlegung sogenannter Stolpersteine vor den beiden Häusern, in denen bis in die dreißiger Jahre Stockstädter jüdischen Glaubens lebten. Die kleinen Gedenksteine, die der Künstler Gunter Demnig in den Gehweg einließ, erinnern an die Familien Kahn und Westerfeld, die während der NS-Zeit teils fliehen mussten und teils ermordet wurden. Anwesend bei dem feierlichen Akt waren die als Mädchen emigrierte Edith Westerfeld-Schumer, ihre Tochter und weitere Angehörige der Familie.

Das Interesse der Bevölkerung an dem Thema übertraf die Erwartungen, und statt einer kleinen, eher stillen Feier gab es einen Menschenauflauf, der auch den Verkehr auf der Ortsdurchfahrt behinderte. Tatsächlich wäre die Einrichtung einer Umleitung dem Anlass angemessen gewesen und hätte eine entspanntere Veranstaltung sowie besser verständliche Ansprachen ermöglicht – hinterher weiß man es besser. So waren am Haus Oberstraße 18, in dem einst die Familie Kahn wohnte, Bürgersteige und Straßenraum mit Bürgern gefüllt, als Demnig dort die ersten vier der messingüberzogenen Steine ins Pflaster einließ.

Wenig später umrahmten weiße Rosen als Zeichen des Gedenkens die Namen und Lebensdaten von Moses und Lisette Kahn sowie ihren Töchtern Ruth und Hedwig. Ihnen allen war 1937 die Flucht in die USA gelungen, nachdem die Schikanen des Regimes und von Teilen der Bevölkerung ihnen das Weiterleben in Stockstadt unmöglich gemacht hatten. Bei den Nachkommen der Familie hatte es kein Interesse gegeben, an der Veranstaltung teilzunehmen.

Anders bei den Westerfelds: Edith Westerfeld-Schumer, als Zwölfjährige zur Emigration gezwungen, war zum wiederholten Male in ihre einstige Heimat gereist, begleitet von ihrer Tochter Fern Schumer-Chapman und weiteren Angehörigen aus mehreren Ländern.

Der eigentliche Gedenkakt erfolgte in der Ortsmitte vor dem Haus Vorderstraße 4, wo es etwas mehr Platz für rund 100 Teilnehmer gab. Das einstige Haus der Westerfelds ist nicht mehr erhalten, ein Kiosk ist an seine Stelle getreten. Bürgermeister Thomas Raschel übernahm als Erster die schwierige Aufgabe, passende Worte zu der historischen Schuld und der heutigen Versöhnungsgeste zu finden. Raschel beschrieb, wie Trauer und Freude an diesem Tag nah beieinanderlagen und wie das Durchbrechen des langen Schweigens auch den Respekt vor den Opfern bezeugt: „Eine gute Erinnerungsarbeit ist Voraussetzung für das Meistern der Gegenwart.“

Den historischen Kontext hatte Jörg Hartung aufgearbeitet und umriss die Geschichte der Stockstädter Juden, die die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Biebesheim besuchten. Jüdische Mitbürger in Stockstadt sind seit 1706 belegt, am bedeutendsten war die Familie Westerfeld: Angesehene Bürger, die in Ortsvereinen aktiv und für Deutschland in den Krieg gezogen waren. Das schützte sie nicht vor Ausgrenzung und Verfolgung in der NS-Zeit. „Der Judenhass des Systems übertrug sich in alle Schichten“, beschrieb Hartung, „aus Nachbarn wurden Geächtete und das Leben wurde unerträglich.“ Siegmund Westerfeld und seine Frau Frieda wurden deportiert und ermordet, nachdem sie ihren Töchtern Betty und Edith noch 1937 und 1938 die Flucht in die USA ermöglicht hatten.

Edith Westerfeld-Schumer hat viele Jahrzehnte gebraucht, um das traumatische Geschehen zu verarbeiten. Waren die ersten Besuche im Land der Vorfahren und ihrer Mörder sehr schwierig, so konnte die inzwischen Neunundachtzigjährige nun gelöst und aktiv an der Gedenkfeier teilnehmen. Mehrere Ortsbürger sprachen sie auf ihre eigenen Erinnerungen an die Westerfelds an oder brachten ihr alte Fotos des Westerfeldschen Hauses.

Ihre kleine Ansprache hielt Edith Westerfeld-Schumer zum Teil auf Deutsch, nachdem sie diese Sprache lange zusammen mit den quälenden Erinnerungen tief in sich vergraben hatte. Sie erwähnte, wie die schrecklichen Erinnerungen über die Generationen weiterwirkten und wie der Hass auch heute nicht überwunden sei, in Deutschland wie anderswo: „Jeder von ihnen kann etwas dagegen tun. Denn sonst können Sie und Ihre Familien irgendwann selbst betroffen sein.“