15.11.2014: Verlegung in Stockstadt/Rh.

„Mussten erst alle Stockstädter Nazis und ihre Mitläufer gestorben sein?“

STOCKSTADT.

Ihre Tochter Fern hat ihre Vergangenheit und die ihrer Mutter in zwei Büchern aufgearbeitet („Motherland“, deutsch „Mutterland“, und „Is it Night or Day?“) und berichtete nun, wie sich Edith vor 24 Jahren erstmals entschied, Deutschland wieder zu besuchen. „Viele Flüchtlinge sind zu traumatisiert und kommen nie mehr nach Deutschland. Aber sie wollte verstehen, was ihr passiert ist, und sie wollte auch den Stockstädtern gegenübertreten.“ Die Stolpersteine tragen für sie zur Versöhnung bei, denn das Gedenken sei für sie eine öffentliche Aufgabe: „Danke, dass Sie sich erinnern.“

Kamen die Westerfeld-Nachfahren auch mit dem Willen zur Versöhnung, so ist doch die Bitterkeit über das, was vor 75 Jahren geschah, längst nicht geschwunden. Deutlich wurde das in der Ansprache von Jürgen Flügge, dem Sohn des christlichen Mädchens Mina, das damals bei den Westerfelds lebte. Warum kommt das Gedenken so spät, fragte er: „Mussten erst alle Stockstädter Nazis und ihre Mitläufer gestorben sein?“ Er zeigte auf, wie Siegmund Westerfeld gerade gegenüber von der jetzigen Gedenkstelle auf Geheiß des damaligen Bürgermeisters blutig geschlagen wurde, und beklagte die rasche Wiederaufnahme von Nazis in Politik und Justiz nach dem Krieg. Seine Mutter sei als Lügnerin hingestellt worden, wenn sie ansprach, was damals geschehen war.

Werner Schmidt sprach zum Abschluss im Namen der Gemeindevertretung und versicherte den Westerfelds, dass ihre Familien in Stockstadt nicht vergessen werden. Er kam auf die Worte des Bürgermeisters zurück, dass ein Mensch erst dann ganz tot sei, wenn sein Name nicht mehr genannt wird – dem sollten die Stolpersteine eine dauerhafte Erinnerung entgegensetzen. Die Gedenkfeier für die „verschwundenen Nachbarn“ – so der Titel eines Buches über das Schicksal der jüdischen Familien im Kreis Groß-Gerau – wurde vom evangelischen Kirchenchor mit Liedern auf Deutsch und Hebräisch umrahmt.