Patenschaft für einen der Steine

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Mörfelden-Walldorf (ohl). Früher forderten Schüler von ihren Lehrern, endlich mit ihnen über die Nazizeit zu sprechen. Heute klagen viele Schüler, das Thema hänge ihnen zum Hals raus. Schuld daran, meinen Wissenschaftler und Lehrer, die sich mit Wissensvermittlung beschäftigen, sei unter anderem die abstrakte und trockene Form, in der oft über die rassistischen Verbrechen, den 2. Weltkrieg und den Massenmord an den europäischen Juden gesprochen wird.

Manfred Seiler, Lehrer für Gemeinschaftslehre (GL) an der Bertha-von-Suttner-Schule, kennt dieses Problem. Er versucht stets, Themen zu finden, mit denen er den Schülern in der neunten und zehnten Klasse einen direkten, persönlichen Zugang zu diesem schweren Thema ermöglichen kann. Als im vergangenen Jahr in Mörfelden die ersten „Stolpersteine gegen das Vergessen“ gelegt wurden, um an das Schicksal ehemaliger jüdischer Nachbarn zu erinnern, erkannte er seine Chance. Er schlug seiner Klasse vor, die Patenschaft für einen der Steine – und damit das Gedenken an einen Mörfelder Juden – zu übernehmen. Anschließend könne man sich ja mit dem Leben der Person und ihrem Schicksal unter der Nazi-Herrschaft beschäftigen, statt nur Bücher zu wälzen und Doku-Filme zu gucken. Alle waren einverstanden. Auch die Bedingung Seilers, dass jeder seinen Anteil an der 95 Euro teuren Patenschaft selbst aufbringen müsse, wurde angenommen. Die Jugendlichen kehrten zu Hause den Hof, putzten Fenster, gaben Nachhilfe oder verkauften selbstgebackene Plätzchen. Manfred Seiler wandte sich währenddessen an Hans-Jürgen Vorndran vom Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau. Ein Stolperstein für einen möglichst jungen Mensch sollte es sein. Es wurde Lydia Weishaupt, bis 1938 wohnhaft in der Elisabethenstraße 6.  Persönlich berühren sollte das Schicksal der ausgewählten Person. Der Zufall spielte mit. Als Manfred Seiler im GL-Unterricht der Klasse berichtete, wessen Stolperstein man finanziere und vor welchem Haus der verlegt werde, wurde Julien Maxwell plötzlich ganz still. Dann sagte der Schüler: „Da wohne ich.“

Es folgten ein Projekttag zum Thema und viele Stunden Arbeit im Rahmen des GL-Unterrichts. Eine Präsentation über Lydia Weishaupt wurde erstellt. Wie viele jüdische Familien floh sie mit ihrem jüdischen Vater und ihre christlichen Mutter in die Großstadt, wo es anonymer war und sich eine Ausreise oder ein Untertauchen besser vorbereiten ließen. Lydia war sechs Jahre alt, als sie mit ihren Eltern bei im Haus von Verwandten der Mutter in Mainz unterkam. Weil dort eine Bombe einschlug, gelang es der Mutter Ersatzpässe für Ausgebombte zu erhalten, auf denen jeder Vermerk der jüdischen Religion fehlte. Mit dem Rad fuhr die Familie dann zu anderen Verwandten in der Pfalz und erlebte dort die Befreiung durch die Alliierten. Anschließend ging die Familie in die USA. Heute lebt Lydia in New York.

Nachdem die Arbeitsgruppen alles zusammengetragen hatten, wurde weiter recherchiert – durchaus mit dem Anspruch, neue Erkenntnisse zu Tage zu fördern. Das Projekt wurde auf die gesamte Mörfelder Familie Weishaupt ausgeweitet.  Dabei stieß man auf Flucht-Geschichten, die noch abenteuerlicher waren, als die von Lydia Weishaupt und ihren Eltern. Zum Beispiel die Geschichte von Lydias Onkel Kurt, der zunächst nach Italien floh, wo er bald ebenfalls verfolgt wurde, dann weiter nach Südfrankreich, wo er zwei Jahre in einem Internierungslager verbrachte, aus dem er ausbrach und über die Pyrenäen nach Portugal flüchtete. In Lissabon betrieb er zusammen mit seiner Frau ein Reisebüro für auswanderungswillige jüdische Flüchtlinge. Solange, bis er selbst genug Geld beisammen hatte, um mit seiner Familie nach Südamerika auszuwandern.

Einziger Wermutstropfen bei dem Projekt: Den Schülern gelang es nicht, Briefkontakt zu Frau Weishaupt herzustellen. Die Klasse hatte sich mit vielen Fragen an die alte Dame gewandt, doch bisher keine Antwort bekommen. Nun können die Jugendlichen das Projekt nicht mehr weiter verfolgen, denn sie haben bereits ihre Prüfungen für den Realschulabschluss hinter sich. Das große Lernpensum ließ einfach keinen Extra-Aufwand für ein freiwilliges Projekt zu. Doch die Stolpersteine-Patenschaft hat bei den Schülerinnen und Schülern der ehemaligen 9g Spuren hinterlassen. Sie lasen bei der Kundgebung gegen den geplanten NPD-Wahlkampfstand in Walldorf, stellten ihr Projekt den Mitgliedern der Horvath-Stiftung vor und werden auch bei der Verlegung der Stolpersteine am 19. April vertreten sein. Tags darauf eröffnen sie im Rahmen eines Vortrags von Gunter Demnig, dem Erfinder der Stolpersteine, auch ihre Präsentation über das Schicksal der Familie Weishaupt, die anschließend für einige Wochen im Walldorfer Rathaus zu sehen sein wird.

Über diese Präsentation freut sich Manfred Seiler besonders. Sie wird in Zukunft auch von anderen GL-Lehrern der Suttner-Schule genutzt werden. Damit sich auch deren Schüler durch die Darstellung persönlicher Schicksale ein konkretes Bild vom Leben in der NS-Zeit machen können.

PATEN UND RECHERCHEURE: Donia Bourchada, Nina Röwer, Larissa Schulmeyer, Ferris Friebe, Riccardo Incatasciato und Christoph Schäffer (von links) aus der Klasse 10c und ihr Lehrer Manfred Seiler beraten über die Präsentation zur Familie Weishaupt, die sie am 20.4. im Rahmen des Stolpersteine-Projekts im Walldorfer Rathaus eröffnen werden.

LYDIA WEISHAUPT mit ihrem Vater Richard, aufgenommen wahrscheinlich im Jahre 1938.

LYDIA WEISHAUPT im Alter von sechs Jahren, kurz vor dem Umzug der Familie nach Mainz. (Städtische Fotosammlung, Repro: Heil)