Den Opfern wieder einen Namen geben

Gedenken – Stolpersteine erinnern an von den Nazis vertriebene und ermordete Menschen

Wer in Rüsselsheim kennt noch Klara Wolfeiler? Mit Sicherheit so gut wie keiner. Das Schicksal der Inhaberin des früheren Schuhgeschäfts Wolfeiler kann man in einem Satz zusammenfassen: Sie wurde praktisch enteignet, aus Rüsselsheim deportiert und im Konzentrationslager Theresienstadt umgebracht. Klara Wolfeiler würde damit in der Masse der vielen Schicksale untergehen, die während der Zeit der Nationalsozialisten unter denselben Umständen erst Hab und Gut und schließlich ihr Leben verloren, gäbe es nicht die sogenannten Stolpersteine. Mit diesen kleinen Quadern hält der Erfinder der Stolpersteine, der Kölner Künstler Gunter Demnig, die Erinnerung an Menschen wie Klara Wolfeiler wach. Der Stein mit Namen und Lebensdaten wird dort im Gehweg eingelassen, wo der Mensch bis zu seiner Vertreibung lebte. Bei Klara Wolfeiler ist es die Bahnhofstraße 12.
Knapp 40 dieser Stolpersteine sind in Rüsselsheim in den vergangenen fünf Jahren verlegt worden. Am Samstag kamen weitere acht an vier Adressen hinzu. Sie wurden im Rahmen von kurzen Feierlichkeiten verlegt, an denen zahlreiche Bürger teilnahmen.
In der Bahnhofstraße, wo samstags sowieso ein reger Fußgängerverkehr herrscht, blieben mehr als 50 Interessierte stehen. Neuntklässler der Alexander-von-Humboldt-Schule verlasen dabei die Lebensläufe derer, an die die Steine erinnern.
Die Lebensläufe haben die Mitglieder der Rüsselsheimer Arbeitsgruppe Stolpersteine recherchiert. Bei Klara Wolfeiler, geboren 1871 im rheinhessischen Wöllstein, fanden sie beispielsweise heraus, dass ihr Besitz für verschwindend geringe 18 000 Reichsmark verkauft wurde und dass sie Ende 1939 zum Umzug ins Mainzer Judengetto gezwungen wurde. Am 27. September 1942 kam sie in das Konzentrationslager Theresienstadt, wo sie am ersten Weihnachtstag 1942 ermordet wurde. Ihr als Emigrant den Holocaust überlebender Sohn Robert erreichte nach zermürbenden Prozessen zumindest, dass er 1960 mit 6000 Mark entschädigt wurde.
Auf den Stolpersteinen ist für diese und weitaus mehr Informationen, die die Aktiven der AG herausgefunden haben, freilich kein Platz. Aber sie geben den in Vergessenheit geratenen Opfern zumindest wieder den Namen: Klara, Robert und Theresia Wolfeiler in der Bahnhofstraße 12, Alfred Löw und Mendel Frost in der Waldstraße 65, Amalie Frost und Sophie Maas in der Haßlocher Straße 24 und Friedrich Grünewald in der Astheimer Straße 21.
Oberbürgermeister Patrick Burghardt (CDU) bezeichnete es als besondere Ehre, bei der Verlegung von Stolpersteinen dabei sein zu dürfen, sagte er bei der Verlegung in der Bahnhofstraße. Burghardt räumte ein, dass er am Anfang skeptisch über diese Art der Erinnerung gewesen sei, weil die meisten Menschen achtlos über diese Erinnerungssteine laufen. Aber diese Skepsis habe sich schnell ins Gegenteil gewandelt. „Viele Menschen bleiben stehen und setzen sich damit auseinander“, sagte er. Daher habe er für die Haßlocher Straße gerne einen Stolperstein gespendet. „Aber es gibt in Rüsselsheim noch viel zu tun, wenn es um die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit geht.“
Der evangelische Pfarrer Volkhard Guth hat in der Rüsselsheimer Bevölkerung ambivalente Reaktionen zu den Stolpersteinen ausgemacht: „Sie reichen von diffuser Gleichgültigkeit bis hin zu reger Zustimmung.“
Ebenfalls bei der Verlegung in der Bahnhofstraße dabei war die Rüsselsheimerin Margarethe Rauch. Die heute Achtundachtzigjährige war Augenzeugin der Reichspogromnacht im November 1938. „Ich habe alles mit eigenen Augen gesehen. Es war schrecklich“, erinnerte sie sich an den braunen Terror, der auch vor der Rüsselsheimer Synagoge nicht haltmachte.