Erste Patenschaften sind schon vergeben

Stolpersteine – Gernsheim beteiligt sich an dem europaweiten Projekt – Namenslisten werden noch vervollständigt

Stolpersteine wie für die Familie Cohn in Mörfelden sollen künftig auch in Gernsheim an Opfer der Nazidiktatur erinnern. Archivfoto: Wulf-Ingo Gilbert

Vergrößern | Stolpersteine wie für die Familie Cohn in Mörfelden sollen künftig auch in Gernsheim an Opfer der Nazidiktatur erinnern. Archivfoto: Wulf-Ingo Gilbert

GERNSHEIM.

„Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch.“ So lautet kurzgefasst die Formel für das Gedenken an Menschen, die Opfer der Nationalsozialisten wurden. Ihrer soll mit Stolpersteinen gedacht werden, Tafeln aus Messing, die vor dem letzten selbst gewählten Wohnort eines Opfers ins Trottoir eingelassen werden. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat solche Stolpersteine bereits in zahlreichen Kommunen verlegt. Laut einem gemeinsamen Antrag von SPD, Grünen, CDU, GuD und FDP beteiligt sich jetzt auch Gernsheim an dem Projekt.
Der Verein Memor hat schon einige Jahre darauf hingearbeitet, hatte Kontakt mit den Bürgermeistern im Ried aufgenommen. Die Verwaltungschefs aus Biebesheim und Groß-Rohrheim gaben sich zunächst zurückhaltend, positiv äußerte man sich in Stockstadt und Gernsheim.
So ist der frühere Gernsheimer Bürgermeister Rudi Müller der Erste, der sich bereit erklärte, Pate für einen Stein zu werden. Für ihn ist wichtig, das Geschehene immer wieder in Erinnerung zu rufen. „Die Idee der Stolpersteine ist gut, weil sie vom Inhalt her stimmt und nicht kommerzialisiert wird.“ Müller lässt einen Stein setzten für Pater Dyonis (Heinrich Zöhren), den damaligen Superior des Kapuzinerklosters Maria Einsiedel. Der starb im Konzentrationslager Dachau an Typhus. Er selbst habe schon als Kind einen Bezug zu den Patres gehabt, so Müller. Zudem sei Maria Einsiedel ein Ort der Stille, an dem Menschen über das eigene Leben und vieles andere nachdenken.
Eine Patenschaft wollen auch Heinrich und Herbert Weckerle übernehmen. „Die Steine eignen sich viel besser als große Denkmäler, weil man sich ständig damit beschäftigen muss“, meint Vater Heinrich, „das ist beste Geschichtsarbeit“. Sohn Herbert meint, die Steine seien eine gute Gelegenheit, der Ermordeten zu gedenken. Er empfindet das als persönliche Verpflichtung. Die beiden Familien wollen Max Hahns gedenken, eines Schulkameraden des Seniors. Zur Familie Hahn gehörten auch Ehefrau und drei Kinder. Für sie wird wohl die Stadt die Patenschaften übernehmen, wie ein Gespräch mit Memor und Stadtarchivar Hans Herbert Hertling ergab. Beide haben die Daten von Opfern der Nazizeit recherchiert.
Auch Bürgermeister Peter Burger (CDU) ist ein Fürsprecher des Projekts. Sein Stolperstein soll an Richard Schiefer erinnern, während die Stadt wohl die Steine für dessen Eltern Rosa und Jakob finanzieren wird. „Dem Zwölfjährigen wurde mit der Deportation die Zukunft genommen“, sagt Burger zu seiner Motivation, „er hat seine Persönlichkeit nicht mehr entfalten können.“ Die jüdischen Familien Hahn und Schiefer wurden am 18. März 1942 deportiert. Daher bietet sich der 18. März 2013 für die Verlegung der Tafeln an.
Marianne Walz und Gerd Trommer gedenken des Deserteurs Adolf Philipp Wenzel. Der 39 Jahre alte Vater dreier Kinder starb am 3. November 1943 unter dem Fallbeil im Gefängnis Preungesheim. Desertieren sei eine Entscheidung auf Leben und Tod gewesen, meint Trommer, konsequenter und mutiger, als mit dem Strom zu schwimmen. „So gesehen ist dies für mich eine demokratische Tugend in einem totalitären System.“ Walz sieht im Handeln des Gernsheimers die Auflehnung gegen einen barbarischen Raubkrieg.
Als verbindende Aktion, die Menschen ihren Namen zurückgibt, bezeichnen Birgit und Ernst Weinmann das Projekt. Es weise auf unspektakuläre Weise nicht nur auf die Opfer hin, sondern auch darauf, „dass dies mitten unter uns passiert ist“. Zudem: „Die Stolpersteine bringen uns so auch immer wieder den Wert unserer Demokratie, den Luxus von Frieden und Sicherheit ins Bewusstsein.“ Die Steine könnten dazu beitragen, aus einer vermeintlichen Sicherheit aufzumerken. Sie wissen noch nicht, wessen sie gedenken wollen.
Weitere Gernsheimer, die die Aktion unterstützen wollen, können sich ans städtische Kulturamt (Hildegard Bolenz, Telefon 06258 108113) wenden. Allerdings sind die Namenslisten noch nicht komplett. Zunächst sollen darauf die Namen derer stehen, deren Existenz zerstört wurde durch Ermordung, Tod in der Haft oder Emigration. Sobald gesicherte Daten vorliegen, werden sie veröffentlicht, und Bürger können konkrete Patenschaften übernehmen. Künstler Gunter Demnig gibt die Kosten für Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins mit 120 Euro an.