Nächste Verlegung am 05.02.2015

Flucht über Russland und Japan

Gedenken – Mit Stolpersteinen wird an die Familie Mattes erinnert, die in Groß-Gerau eine Gardinenfabrik betrieben hat

Drei Stolpersteine für die Familie Mattes sollen am 5. Februar vor diesem Haus in der August-Bebel-Straße 16 verlegt werden.  Foto: Wulf-Ingo Gilbert
Für die drei Mitglieder der Familie Mattes, die in Groß-Gerau eine Gardinenfabrik gegründet hat und 1939/40 vor den Nazis flüchten musste, sollen am 5. Februar um 14 Uhr in der August-Bebel-Straße 16 Stolpersteine verlegt werden.

GROSS-GERAU.

„Hier wohnte Alfred Mattes JG. 1882 Flucht 1940 Russland, Japan 1940 USA“, „Hier wohnte Paula Mattes GEB. Strauss JG. 1885 Flucht 1940 Russland, Japan 1940 USA“ und „Hier wohnte Arnold Mattes JG 1910 Flucht 1939 England 1940 USA“: Drei Stolpersteine sollen am 5. Februar (Donnerstag) um 14 Uhr zur Erinnerung an die jüdische Familie Mattes vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma Faulstroh in der August-Bebel-Straße 16 verlegt werden. Das um 1912 erbaute denkmalgeschützte Haus beherbergt nach seiner Sanierung heute Besprechungszimmer und Lehrerarbeitsräume der benachbarten neuen Oberstufe der Prälat-Diehl-Schule (PDS) und war einst Wohnhaus der Familie, die auf dem Gelände der jetzigen Oberstufe eine Gardinenfabrik betrieb. Das Unternehmen, das von 1924 bis 1932 bestand, musste als Folge der damaligen Weltwirtschaftskrise seinen Bankrott erklären, heißt es in der Einladung zur feierlichen Stolpersteinverlegung. Zu der Veranstaltung wird die Tochter von Arnold Mattes, Joan Zelkoowicz, aus Pittsburg (USA) erwartet.

Alfred Mattes wurde am 28. August 1882 in Bingen geboren und heiratete 1909 Paula (29. November 1885 geboren), die Tochter von Emil Strauss aus der Groß-Gerauer Schützenstraße 10. In ihrer Gardinenfabrik, deren Wahrzeichen ein Backsteinturm mit der von Siemens und Halske in Berlin hergestellten „Mattes-Uhr“ war, wurden an 60 elektrischen Nähmaschinen Gardinen, Stoffe und Spitzen hergestellt. In den goldenen Zwanzigern florierte das Geschäft, die Firma war ein wichtiger Arbeitgeber, heißt es weiter. Sie beschäftigte mehrere Hundert Heimarbeiterinnen im Gerauer Land, die in Zeiten wachsender Arbeitslosigkeit zum Unterhalt ihrer Familien beitrugen.

Der Firmenpleite folgte die Verfolgung durch die Nationalsozialisten, geht aus der Einladung weiter hervor. „Die Juden“ seien für den Niedergang des Unternehmens persönlich haftbar gemacht worden. Alfred Mattes wurde gerichtlich verfolgt und kam in Mainz, wohin die Familie gezogen war, in Untersuchungshaft. Paula und Sohn Arnold kamen in Groß-Gerau in „Schutzhaft“. Die Familie zog schließlich nach Frankfurt, das Firmengelände wurde 1938 von Faulstroh übernommen.

1939 gelang zunächst Arnold und schließlich auch seinen Eltern die Flucht in die USA – Arnold über England, seinen Eltern über Russland und Japan. Paula Mattes starb 1953 in Chicago, Alfred am 29. August 1961. Einen speziellen Blick auf die Groß-Gerauer Lokalgeschichte erlaubt laut dem Einladungsflyer das Verhalten von Bernhard Lüdecke, der sowohl in den Jahren ab 1927 wie 1956 Bürgermeister war. Lüdecke hatte dem Fabrikanten einst bei der Kreditbeschaffung mit einer Bürgschaft der Stadt geholfen. Gedanken an eine Entschädigung wies er 1956 allerdings von sich. In der Zwischenzeit hatte Lüdeckes Nachfolger Stawinoga im April 1935 erklärt: „Ich bin gewillt die Frage Mattes aus der Geschichte Groß-Geraus zu tilgen.“ Diese Haltung habe sich darin fortgesetzt, den beruflichen Verlust der Familie im Wiedergutmachungsverfahren nach 1945 nicht anzuerkennen und die Erinnerung an die Gardinenfabrik Mattes zunächst nicht wachzuhalten, heißt es in einer Mitteilung des Evangelischen Dekanats.

Ablauf

Am 5. Februar um 14 Uhr begrüßen Pfarrer Wolfgang Prawitz, Landrat Thomas Will, ein Vertreter der Stadt Groß-Gerau und PDS-Schulleiter Michael Montag zu der Feierstunde. Anschließend gibt es Beiträge von PDS-Schülern und Lehrer Udo Stein zur Lebensgeschichte der Familie Mattes, bevor Petra Kunik von der jüdischen Gemeinde Frankfurt ein Gebet zum Gedenken vorträgt. Danach verlegt Maximilian Schulda die Stolpersteine.